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Die Lüge vom gerechten Artenschutz

Baby-Pandabär in einer chinesischen Aufzuchtstation

Auf welche Tiere sich Artenschutz fokussieren sollte, ist umstritten. Was macht den Wert einer Spezies aus? Verschiedene Tiere sind schwer vergleichbar. Welche Natur wollen, welche müssen wir schützen? Harald Lesch sucht nach der Antwort.

Datum:
19.09.2017
Verfügbarkeit:
Video leider nicht mehr verfügbar

Die Panda-Story - Rettung nur für süße Tiere?

Um die Ikone des Artenschutzes zu retten, setzen Experten in China sogar auf künstliche Befruchtung. Eine schwierige Aufgabe, denn Pandaweibchen sind nur einmal im Jahr fruchtbar und dann an höchstens vier Tagen. In Chinas ganz spezieller Reproduktionsklinik werden die Pandababys anschließend im Brutkasten aufgepäppelt. Die chinesische Regierung fördert teure Maßnahmen. Kein Aufwand scheint zu hoch, um die süßen Tiere zu vermehren. Doch dient der Aufwand der Natur oder nur dem Image? In freier Wildbahn ist der Große Panda nur noch selten zu sehen. Ein Grund dafür, ist der ständige Schwund seines Lebensraums. Früher umfasste er einmal weite Teile Südostchinas, inzwischen sind durch Abholzung nur noch vereinzelte Gebiete übrig geblieben. Andere Panda-Hilfsprojekte setzen deshalb auf den Schutz des Lebensraums. Die isolierten Habitate will man durch Korridore zwischen den Waldstücken verbinden. So sollen mehr Tiere in Kontakt kommen und sich natürlich fortpflanzen.

Aufzuchtstation für Pandas in China
In freier Wildbahn sind Pandas nur noch selten zu sehen. 1974 bis 77 hat man die Tiere erstmals gezählt. Das Ergebnis: es gab nur noch rund 1.000 Tiere. Für den Panda startete damit seine Karriere als Ikone des Artenschutzes.
Quelle: bbc

Für Pandas gibt es viele Schutzprojekte. Doch lässt sich all der Aufwand wissenschaftlich begründen? Es gibt schließlich viele andere Tiere, die ebenso selten sind. Ernsthaft bedroht ist beispielsweise der chinesische Riesensalamander. Er ist das größte Amphibium der Welt und kann bis zu 1,80 Meter lang werden. Aber für ihn gibt es keine aufwändigen Schutzkampagnen. Das Tier hat ein Problem: Es ist ganz und gar nicht niedlich. Riesensalamander und Panda: zwei Tiere, die die gleichen Schutzkriterien erfüllen. Beide sind einzigartig und selten. Und doch ist ihr Schicksal so unterschiedlich. Den Pandas kommt der „Niedlichkeitsfaktor“ zugute. Die chinesische Regierung nutzt sie für sich als Werbeträger. Die Pandas aus Chengdu werden an Zoos in der ganzen Welt weitergegeben - als unwiderstehliche Botschafter.

Welche Art ist schützenswert?

Rettet die Keystone-Spezies

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Haben Migranten-Tiere kein Recht auf Rettung?

Grafik: Ziege und Schildkröte
Die Ziegen wurden zum Schutz der Schildkröten ausgerottet.

Die Galapagosinseln im Ostpazifik sind bekannt für ihre einzigartige Tierwelt. Viele Arten gibt es nur hier. Legendär sind die Galapagos-Riesenschildkröten. Doch die Tiere haben ein Problem: Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts brachten Siedler einige Ziegen als Nutztiere auf die Inseln und ließen sie irgendwann einfach frei. In der Folge fraßen die Ziegen den Schildkröten die Nahrung weg. Daraufhin sank die Zahl der Riesenschildkröten bedrohlich, wohingegen sich die Ziegen stark vermehrten – auf 200.000 Exemplare. Um die einheimischen Tiere zu schützen, sollten schließlich alle Ziegen eliminiert werden. Mittels Helikopterjagd gelang es auf der größten Insel Isabella tatsächlich, innerhalb eines Jahres rund 90 Prozent der Ziegen zu erlegen. Aber die verbliebenen Tiere hielten sich versteckt. Und Ziegen vermehren sich so schnell, dass schon ein paar Überlebende reichen, damit alles von vorn losgeht.

Zum Glück haben die Ziegen aber eine Eigenschaft, die den Jägern die Arbeit erleichterte: Sie sind sehr sozial und finden sich immer mit ihren Artgenossen in Herden zusammen. Genau darauf beruhte die Strategie der Jäger: Sie statteten sogenannte „Judasziegen“ mit GPS-Sendern aus und ließen sie frei. Die Jäger mussten nun nur noch dem GPS-Signal folgen. Alle aufgespürten Tiere wurden getötet, bis auf die Judasziege. Diese suchte weiter nach Artgenossen und ermöglichte damit das nächste Massaker. Aus Schildkrötensicht ein voller Erfolg. 2006 wurde die letzte Ziege auf Galapagos getötet. Die Regierung setzte hier klare Prioritäten. Zum Schutz der seltenen Tiere, musste die eingeschleppte Massenware weichen. Ohne die lästige Konkurrenz sind die Überlebenschancen für die Riesenschildkröten wieder gewachsen.

Kommerz versus Naturschutz

Kermodebär beim Fischen im Fluss
Studien zufolge sind die hellen Bären beim Fischfang im Vergleich erfolgreicher - vermutlich da sie für einen Lachs gegen den hellen Himmel schlechter zu sehen sind.

Die Ölsandfelder in Alberta machen Kanada zu einer der führenden Ölnationen. Um das Öl zu transportieren, sollte eine Pipeline von den Athabasca-Ölsanden mitten durch den Great Bear Rainforest bis zur Küste führen. Der 6,4 Millionen Hektar große Great Bear Rainforest ist ein einzigartiger Regenwald. Entsprechend groß waren die Proteste gegen die Pipelinepläne, besonders von den Ureinwohnern der Gegend. Seit Generationen verehren sie die im Wald lebenden Kermodebären. Dieser seltene Bär hat ein weißes Fell, ist aber kein Eisbär, sondern ein Schwarzbär. Das weiße Fell ist das Ergebnis einer genetischen Besonderheit. Schwarze Bären bekommen mehrheitlich schwarze Nachkommen. Tragen beide Elternteile das rezessive Gen für helles Fell, dann können auch Nachkommen mit weißem Fell entstehen.

Grafik: Karte Pipeline
Die ursprünglich geplante Route der Pipeline führte durch den Great Bear Rainforest.

Die Entscheidung über den Bau der Pipeline und das Schicksal der Bären fiel Ende 2016 im kanadischen Kabinett. Premier Justin Trudeau verkündete, dass die Pipeline nicht gebaut wird. Zumindest nicht diese Pipeline. Im gleichen Atemzug hat Trudeau eine andere Route bewilligt: Die bereits bestehende „Trans Mountain Pipeline“ von den Athabasca-Ölsanden nach Vancouver soll verdoppelt werden, um ihre Förderleistung zu vergrößern. Doch auch diese Lösung ist umstritten. Denn der Tankerverkehr vor der Küste um Vancouver wird erheblich zunehmen. Gerade hier lebt aber eine einzigartige Population von Orcawalen. Entgegen den meisten ihrer Artgenossen wandern die Orcas nicht. Sie sind ausgerechnet hier sesshaft geworden. Mehr Schiffsverkehr bedeutet für die Wale mehr Stress. Die Folgen? Unbekannt. Es ist also gar nicht so einfach, beim Artenschutz die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das Happy End des einen Tieres, kann für das andere eine Tragödie sein.

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