Goldrausch in der Tiefsee

Lauernde Gefahren beim Meeresbergbau

Die Nachfrage nach Nickel, Kupfer, Kobalt und anderen Buntmetallen steigt konstant.Ohne sie gäbe es keine Smartphones, Notebooks, LED-Leuchten oder Elektromotoren. Den wachsenden Metallhunger der Menschheit können die Minen an Land aber bald nicht mehr stillen. Manganknollen am Meeresgrund sollen deshalb die Zukunft unserer modernen Gesellschaft sichern. Doch welche Konsequenzen deren Förderung auf das Ökosystem in der Tiefsee haben wird, ist noch nicht abzuschätzen.

Im Pazifik, auf dem Boden der Tiefsee, sind Felder aus Manganknollen von der Größe Europas zu finden. Tief unten auf dem Meeresgrund liegt also die Hoffnung unserer modernen Industriegesellschaft. Aber wie realistisch ist der Traum vom Tiefseebergbau? Und gefährden wir damit das Leben im Meer? Professor Harald Lesch geht diesen Fragen auf den Grund.

Die Jagd nach Nickel

Etwa 1.800 neue Windkraftanlagen werden jährlich in Deutschland gebaut. Doch auch umweltfreundliche Technik verbraucht tonnenweise Buntmetalle. Ganz zu schweigen von Traditionsbranchen wie der Autoindustrie, die ohne diese Metalle zum Stillstand kämen. Ein Beispiel ist Nickel: Es liegt unter anderem an diesem Metall, dass die Förderung von Erzen aus der Tiefsee ganz oben auf der Agenda der Europäischen Union steht. Denn Nickel garantiert Korrosionsbeständigkeit. Ohne diesen Rohstoff lässt sich beispielsweise kein Edelstahl herstellen. Laut Prognosen sind die globalen Nickelvorräte an Land in 40 Jahren aber erschöpft.

Zudem steigt der Nickelverbrauch weltweit von Jahr zu Jahr. Viele europäische Länder, von Natur aus eher rohstoffarm, wünschen sich allein schon aus strategischen Gründen Alternativen zum Import aus dem Ausland. Eine mögliche Alternative ist der Abbau metallhaltiger Manganknollen auf dem Meeresgrund. Mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche ist von Meeren bedeckt. Und davon sind wiederum mehr als 70 Prozent Tiefsee. Wie dieses seit Ewigkeiten ungestörte Universum auf Eingriffe von außen reagiert, weiß noch niemand. 99 Prozent der Tiere sind unbekannt. Man weiß aber, dass viele der Bewohner sehr alt werden und teilweise erst mit 50 Jahren geschlechtsreif sind. Ändern sich die Umweltbedingungen, hat das Leben hier keine guten Voraussetzungen: Es ist nicht gemacht für rasche Anpassungen.

Die Ausbeutung der Ozeane

Die Ozeane bedecken mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche. Schon immer wollten Menschen die Meere erobern und ausbeuten. Früher war der Walfang ein ertragreiches Geschäft. Erst als Erdöl als Ersatz für Walfett genutzt wurde, verlor die Waljagd ihren Reiz. Ähnlich gefährdet wie einst die Wale sind heute die Fischbestände. Denn die Schleppnetze, die über den Boden der Ozeane gezogen werden, sammeln alles, was ihnen in den Weg gerät. Viele Arten sind vom Aussterben bedroht, noch bevor sie erforscht werden können. Die Industrialisierung der Meere schreitet unaufhaltsam voran. Der offene Ozean abseits der Hoheitsgebiete einzelner Länder gehört prinzipiell niemandem und allen. Nur wenige internationale Regeln grenzen ein, was hier geschieht.

Für den Schutz des Meeresbodens ist seit 1994 die Internationale Meeresbodenbehörde der Vereinten Nationen zuständig. Sie vergibt Lizenzen zur Erforschung des Manganknollengürtels. Viele europäische Länder, auch Deutschland, haben ihre Claims bereits abgesteckt. Wer eine Lizenz besitzt, darf das Gebiet erkunden und hat später die Chance, die Bodenschätze abzubauen. An der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen untersuchen Forscher, wie sich die Metalle aus Manganknollen am besten gewinnen lassen. Das metallhaltige Material wird zunächst bei großer Hitze geschmolzen. Dieser Prozess verbraucht sehr viel Energie. Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, dass  Manganknollen zu mehr als 90 Prozent aus Sand und Mangan bestehen. Beide Substanzen sind wirtschaftlich nicht von Interesse. Begehrt dagegen sind Nickel und andere Buntmetalle. Aus der Schmelze kommen die Buntmetalle zudem zusammengeklumpt mit dem weniger wertvollen Eisen. Sie müssen noch durch weitere Verfahren aufwendig getrennt werden. Viel Aufwand für wenig Ausbeute. Sollte Deutschland einst tatsächlich Knollen aus dem Pazifik fördern, ist noch offen, wo diese verhüttet würden. Der Transport des Rohmaterials bis nach Europa wäre zu aufwendig. Lateinamerika dagegen wäre als Standort eine Option. Aber keines der in Frage kommenden lateinamerikanischen Länder hat auch nur annähernd die gleichen Umweltstandards wie die EU-Staaten. Und Buntmetalle können für Menschen in hohen Konzentrationen giftig sein. Die unscheinbare schwarze Knolle  verheißt nicht nur neue Rohstoffe. Ihr Abbau wirft viele Fragen auf, für die es noch keine Antworten gibt.

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