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Paartherapie für Mensch und Natur

Recherchen zum Film “Zurück zur Wildnis”

Dieser Film hat mich in meinem Blick für die Natur um mich herum stark geprägt. Mir ist klar geworden: Um unsere Beziehung zur Natur zu retten, müssen wir ihr mehr Aufmerksamkeit schenken – und ihr mehr Freiräume geben.

Wisent
Eins von 300 freilebenden Wisenten am Stettiner Haff in West-Polen.
Quelle: ZDF/Nik Winter

Wilde Natur – etwas, was uns in Deutschland nicht mehr wirklich oft begegnet. So richtig klar geworden ist mir das aber erst, als ich an diesem Film gearbeitet habe. Laut dem Verein BioFrankfurt sind nur 0,6% der deutschen Landesfläche wirklich Wildnis – also vom Menschen unberührt. Das ergibt eine Fläche, die kleiner ist als das Saarland. Dass so etwas Konsequenzen hat, ist auch irgendwie klar.

Ich musste während der Recherche ein paar Mal an meine Kindheit denken: Damals war ich mit meiner Mutter – einer Biologielehrerin – oft in der Natur unterwegs, habe mit ihr Insekten bestimmt und über Feuersalamander gestaunt. Waren wir nachts unterwegs, stürzten sich immer zahlreiche Insekten auf das Licht der Taschenlampe – heute beobachte ich nur noch einige wenige Mücken.

Diese Veränderung wurde mir beim Dreh im polnischen Oder-Delta eindrucksvoll vor Augen geführt: Während der Fahrt bemerkten wir auf einmal, dass wir durch die Windschutzscheibe unserer Autos immer schlechter sehen konnten. Sie war voll mit toten Insekten. Etwas, was ich in diesem Ausmaß aus Deutschland heute nicht mehr kenne und auch verdeutlicht: Das Oder-Delta ist irgendwie anders. Und es beeindruckt. Kommt man aus dem dicht besiedelten Deutschland, muss man sich an die weiten Strecken – ohne auch nur einer Menschenseele zu begegnen – erstmal gewöhnen. Kein Wunder also, dass hier der Natur mehr Platz bleibt.

Aber ich merkte auch schnell: die Menschen in Polen haben eine andere Einstellung gegenüber der Natur: Sie leben mit ihr statt gegen sie. So ist es beispielsweise ganz normal, wenn ein Wisent im Garten steht und die Äpfel vom Baum frisst. Statt Angst zu haben, halten sich die Anwohner zurück und lassen den Tieren ihren Freiraum. Etwas, was – so merke ich im Nachhinein – in Deutschland fehlt: Unsere Beziehung zur Natur ist gestört und einseitig. Sie hat sich uns anzupassen, nicht umgekehrt. Die Folge: Artensterben, Insektensterben und Biodiversitätsverlust. Wörter, die genau wie der Klimawandel in meinem Alltag inzwischen ganz schön oft auftauchen. Und immer wieder in einem Kontext: Wir sind es, wir tun das. Und dabei kann auch die Privatperson etwas dagegen tun. Das Potenzial unserer Gärten und Balkone ist riesig. Allein die deutschen Kleingärten strecken sich über eine Fläche, die größer als Bremen ist.

Diese Tatsache wollten wir mit der Geschichte von Nicole Amslinger und Markus Gastl deutlich machen. Doch das angelegte Magerbeet stimmte mich anfangs eher kritisch: Ein Beet aus Steinen? Wie soll das gut für die Artenvielfalt sein? Eigentlich hatten wir uns doch eine blühende, summende Wildnis im eigenen Garten für den Film gewünscht. Doch unsere beiden Interviewpartner belehrten mich eines Besseren und zeigten mir: Um mehr Vielfalt im eigenen Garten zu haben, müssen wir weniger nach der Norm gehen als danach, was gut für die Natur ist – und das sind auch die Magerbeete. Ihr geringer Nährstoffgehalt gibt einer Vielfalt an Pflanzen eine Chance, die auf üblichen, fetten Löwenzahnwiesen nicht überleben könnten.

Zeitgleich mit dem Dreh für diesen Film zog ich in eine Wohnung mit Garten. Und auf einmal machte ich mir Gedanken über Magerbeete, ob die schönen Pflanzen aus dem Baumarkt wirklich heimisch sind und ob mein Garten genug Lebensräume und Nahrung bietet. Es hatte Klick gemacht. Und von jetzt auf gleich achtete ich viel mehr auf meine Umgebung, auf die Wiesen, Felder, Gärten und Wälder. Achtete auf Vielfalt und darauf, wenn sie fehlt. Auf steinige und erdige Böden. Auf begradigte und wilde Flüsse. Ich nehme nun Spuren von Wildnis um mich herum wahr – oder auch wenn sie fehlen. Und genau das ist es, was ich aus den Recherchen für diesen Film mitgenommen habe und was in all seinen Geschichten eine Rolle spielt: Wir müssen der Natur auch in unseren Köpfen mehr Raum geben – sie wahrnehmen mit all ihren Facetten und aufmerksamer dafür sein, was sie braucht. Und vor allem braucht sie Platz. Wir brauchen Platz für mehr Wildnis.

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