Drohnenangriff auf den Kreml: Das sagen Experten

    Angriff auf den Kreml?:Drohnenvorfall: Das sagen Experten

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    War es die Ukraine? Oder doch die Russen selbst? Wer ist für den Drohnenangriff auf den Kreml verantwortlich? So schätzen Experten den Vorgang ein:

    Ein CCTV-Bild zeigt Flammen und Rauch über der Kuppel des Senatsgebäudes des Kreml
    Ein CCTV-Bild zeigt Flammen und Rauch über der Kuppel des Senatsgebäudes des Kreml
    Quelle: Imago

    In der Nacht zu Mittwoch sollen zwei Drohnen zum Absturz gebracht worden sein, die auf das Kreml-Gelände zugeflogen seien. Das hatte das russische Präsidialamt mitgeteilt.
    Russland warf der Ukraine daraufhin einen versuchten Anschlag auf Kremlchef Wladimir Putin vor und drohte mit Gegenmaßnahmen. Die Ukraine wies jede Beteiligung an dem Vorfall zurück.
    Moskau: Drohnen über Kreml
    Laut Moskau wurden zwei ukrainische Drohnen über dem Kreml abgeschossen - Ein Anschlag auf Präsident Putin sei geplant gewesen. Kiew dementiert. Was ist über den Vorfall bekannt?04.05.2023 | 2:23 min
    Nach Einschätzung internationaler Militärexperten hat Russland die beiden angeblich ukrainischen Drohnenangriffe auf den Kreml wahrscheinlich selbst inszeniert.
    Damit sollten der russischen Öffentlichkeit der Krieg in der Ukraine näher gebracht und die Voraussetzungen für eine breitere gesellschaftliche Mobilisierung geschaffen werden, schrieb das in Washington ansässige Institut für Kriegsstudien (ISW) in seinem Bericht am Mittwoch.

    Das sagen Militärexpertinnen und -experten

    Gesine Dornblüth
    Dass Putin das Ziel des Kreml-Drohnenangriffs war, schließt die Russland-Expertin Gesine Dornblüth aus. Alles Weitere sei weiterhin unklar, möglich sei etwa eine "symbolische Wirkung".04.05.2023 | 4:46 min
    Gesine Dornblüth, Russland-Expertin:
    Die Russland-Expertin Gesine Dornblüth erklärt, welches Argument für welche Seite spricht.
    Welche Motivation die Ukraine hätte:

    Das wäre vor allen Dingen ein Signal, und zwar für Russlands Verwundbarkeit.

    Gesine Dornblüth

    Der russischen Propaganda, es sei ein Anschlag auf Putin gewesen, widerspricht sie: "Man weiß, dass Putin da überhaupt nicht übernachtet." Ein Angriff könnte die Aufmerksamkeit der russischen Geheimdienste ablenken von den Orten der zu erwartenden Gegenoffensive.
    Es sei aber gewissermaßen auch "ein Imageschaden der Ukraine gegenüber den westlichen Partnern, von denen viele skeptisch sind, ob solche Angriffe auf den Kreml (...) zulässig wären".
    Welche Motivation Russland hätte:
    Dornblüth sieht zwei Gründe: "Das Eine wäre, die Reihen zu schließen und die Bevölkerung zu motivieren, sich doch freiwillig zu melden, um Russland zu 'verteidigen'." Das sei die aktuelle Erzählung und da "muss auch mal angegriffen werden", damit die Menschen weiter folgen.

    Der zweite Punkt ist, dass wir zurzeit beobachten, dass Russland die zu erwartende Gegenoffensive der Ukraine größer macht, als es ist.

    Gesine Dornblüth

    Da gebe es sogar Vorgaben der Staatsmedien, so die Expertin. Mit dieser Darstellung wäre eine russische Niederlage leichter zu verkraften.
    Carlo Masala, Militärexperte:
    Laut Militärexperte Carlo Masala ist es schwer einzuschätzen, welche Seite verantwortlich ist, "weil sozusagen alle Optionen Sinn und keinen Sinn machen".

    Also eine False-Flag-Attack seitens der russischen Regierung selber zeigt eigentlich nur, wie schwach die russische Regierung ist, dass sie jetzt diese Bilder eines brennenden Senats in Moskau braucht, um ihren Krieg zu rechtfertigen.

    Carlo Masala

    Wenn es hingegen Ukrainer waren oder Anti-Kreml-Gruppen in Russland, so Masala, dann zeigt das "ein massives Versagen des russischen Militärs und des russischen Geheimdienstes".
    Es sei auffällig, dass die Bilder des Angriffs erst nach zwölf Stunden gezeigt werden, und, dass es "mittlerweile Videos gibt, die aus zwölf verschiedenen Kamerapositionen diese Attacke zeigen". Da passe ganz viel einfach nicht zusammen und deute sehr viel einfach darauf hin, dass hier auch ein massives Versagen der russischen Politik vorherrsche:

    Egal, wer es war: Ob es sozusagen Ukrainer waren, antirussische Gruppen oder, ob es der Kreml selbst war.

    Carlo Masala

    Nico Lange, Militärexperte:
    Auch Nico Lange findet es "bemerkenswert, dass Russland zwölf Stunden lang diesen Angriff offenbar geheim gehalten hat" - und dann mit einer Veröffentlichung der Videos und mit "einer sofortigen Zuordnung zur Ukraine reagiert hat".
    Die Spekulationen, es habe sich bei den Drohnenangriffen um eine sogenannte False-Flag-Operation gehandelt, um der Ukraine fälschlicherweise die Schuld zu geben, hält er jedoch für unwahrscheinlich.

    Die Bilder, die um die Welt gehen heute, die global gesendet werden, sind Bilder, die extrem peinlich sind für Wladimir Putin - der drei Tage benötigen wollte, um Kiew zu erobern, und jetzt Drohnen auf das Dach seiner eigenen Residenz im Kreml geschossen bekommt.

    Nico Lange

    Christian Mölling, Sicherheits- und Verteidgungsexperte:

    Christian Mölling hält es hingegen durchaus für möglich, dass die russische Regierung selbst etwas mit dem Vorfall zu tun hat: "Die ukrainische Regierung hat ja diese Tat von sich gewiesen". Möglicherweise sei man in Russland schon dabei, die Leute auf den 9. Mai, also den Feiertag zum Sieg über Nazi-Deutschland, einzustimmen:

    Dass man da versuchen will, die Leute nochmal zusammen zu schwören - und einzuschwören auf die nächste Stufe der Eskalation, die aber vor allen Dingen bedeuten wird, dass Russland unter Druck kommen wird.

    Christian Mölling, Sicherheits- und Verteidgungsexperte

    Das sagen die ZDF-Korrespondenten vor Ort:

    ZDF-Reporter Dara Hassanzadeh in Odessa
    "Es würde nur einen Vorwand liefern, mit dem Russland die Angriffe […] auf zivile Ziele rechtfertigen könnte", so ZDF-Reporter Dara Hassanzadeh aus Odessa.     04.05.2023 | 3:23 min
    Dara Hassanzadeh aus Odessa, Ukraine:
    ZDF-Korrespondent Dara Hassanzadeh verweist auf den ukrainischen Präsidentenberater: Laut Mychajlo Podoljak macht der Drohnenangriff auf den Kreml für die Ukraine "überhaupt keinen Sinn".

    Im Gegenteil: Es würde nur einen Vorwand liefern, mit dem Russland die Angriffe […] auf zivile Ziele rechtfertigen könnte.

    Dara Hassanzadeh

    ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa in Moskau
    Nach dem Drohnenabschuss über dem Kreml habe Moskau zwar "Kiew beschuldigt […], aber keine Beweise vorgelegt". Darüber, was tatsächlich geschehen ist, gäbe es "verschiedene Theorien“, so ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa.04.05.2023 | 2:11 min
    Phoebe Gaa aus Moskau, Russland:
    ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa berichtet, dass Russland nach dem Drohnenabschuss über dem Kreml zwar "Kiew beschuldigt […], aber keine Beweise vorgelegt" habe. Außerdem gebe es ein Drohnenflugverbot rund um den Kreml, daraus stellt sich die Frage: "Wieso wurden diese Drohnen erst so kurz, tatsächlich über der Kuppel des Senatspalastes, unschädlich gemacht?"

    Es gab in den letzten Wochen immer wieder Meldungen von Drohnen, die über russischem Territorium niedergegangen sind (...). Die Behörden hätten also allen Grund gehabt, besonders wachsam zu sein.

    Phoebe Gaa

    Gaa verweist auch auf die anstehenden Feierlichkeiten am 9. Mai. Viele Veranstaltungen seien bereits abgesagt, die in Moskau zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.
    Aktuelle Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine finden Sie jederzeit in unserem Liveblog:

    Russland greift die Ukraine an
    :Aktuelles zum Krieg in der Ukraine

    Seit Februar 2022 führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kiew hat eine Gegenoffensive gestartet, die Kämpfe dauern an. News und Hintergründe im Ticker.
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    Quelle: Mit Material von dpa.
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