Orthodoxe Kirche in Russland: Fest an der Seite Putins

    Orthodoxe Kirche in Russland:Heiliger Krieg und spirituelle Unabhängigkeit

    von Thomas Dudek
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    Die Russische Orthodoxe Kirche steht im Krieg fest an der Seite des Kremls. Das verstärkte in der Ukraine die seit Jahrzehnten andauernde Abgrenzung der dortigen Kirche von Moskau.

    Wladimir Putin mit Patriarch Kirill der Orthodoxen Kirche in Russland
    Wladimir Putin mit Kiryll, Patriarch der Orthodoxen Kirche in Russland.
    Quelle: ap

    Das Erstaunen weltweit war groß, als Ende Oktober der Sicherheitsrat der Russischen Föderation nach acht Monaten Krieg in der Ukraine zu der angeblich aus Moskauer Sicht notwendigen "Demilitarisierung" und "Entnazifizierung" des Nachbarlandes ein neues Kriegsziel verkündet hat: Die "Entsatanisierug" der Ukraine.
    Auch wenn diese weitere Begründung Moskaus für den Krieg im Westen für Kopfschütteln sorgen mag, entspricht sie doch dem offiziellen Narrativ des Kremls, der Russland als Gegenpol zum säkularisierten Westen auch als Verteidiger des Abendlandes und traditioneller Werte darstellt. "Diese totale Verleugnung des Menschen, die Untergrabung des Glaubens und der traditionellen Werte sowie die Unterdrückung der Freiheit nimmt die Züge einer 'umgekehrten Religion' an, eines regelrechten Satanismus" erklärte Wladimir Putin Ende September in einer Rede über den Westen.

    Orthodoxe Kirche steht an der Seite Putins

    Ein treuer Verbündeter des Kremls bei der Verbreitung dieses Narrativs ist die russisch-orthodoxe Kirche. "Heute ist die russische orthodoxe Kirche mehr denn je aufgerufen, zusammen mit der patriotischen Elite die Werteorientierungen, die Existenz und die Entwicklung Russlands in dieser Welt zu formen", heißt es im Programmtext des Mitte Dezember stattgefundenen "Weltkonzils des Russischen Volkes". Eine 1993 vom heutigen Patriarchen Kyrill ins Leben gerufene Veranstaltung, die in diesem Jahr einen besonderen Titel trug: "Heiliger Krieg. Die Wandlung Russlands".
    "Man kann seit Jahren beobachten, wie sich die russische orthodoxe Kirche in Russland radikalisiert", sagt Regina Elsner, Expertin für die orthodoxen Kirchen Osteuropas am Berliner Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien.

    Andere Meinungen innerhalb der Kirche werden unterdrückt, weshalb die radikalisierten Kräfte die Kirche heute dominieren.

    Regina Elsner, Expertin für orthodoxe Kirchen Osteuropas und Theologin

    Eine zentrale Rolle bei dieser Radikalisierung spielt Patriarch Kyrill I., der seit 2009 an der Spitze der Kirche steht. Die Amtszeit von Wladimir Putin bezeichnete er 2012 nicht nur als "Wunder Gottes". Unter ihm wurde die Kirche auch zu einem willfährigen Gehilfen des Kremls, auch beim Angriffskrieg gegen die Ukraine.

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    Kyrill, der so wie Putin für den sowjetischen Geheimdienst KGB tätig war, sprach dem Nachbarland nicht nur das Existenzrecht ab, sondern bezeichnete den Krieg auch als einen "metaphysischen Kampf des Guten gegen das Böse". Im September wiederum versicherte Kyrill den in der Ukraine eingesetzten russischen Soldaten, dass ihnen im Fall des Todes alle Sünden vergeben werden.
    Im Gegenzug genießt die Kirche Zuwendungen des Staates, wie zum Beispiel bei der Renovierung und dem Neubau von Kirchen oder der Finanzierung kirchlicher Vereine. Was jedoch nicht bedeutet, dass der Kreml alle Forderungen der Kirche erfüllt.

    Die Kirche ist vom Kreml abhängiger als umgekehrt.

    Regina Elsner, Expertin für orthodoxe Kirchen Osteuropas am Berliner Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien

    Ein gutes Beispiel dafür ist das Thema Abtreibung. Trotz aller Bemühungen und Petitionen der Kirche, Schwangerschaftsabbrüche generell zu verbieten, sind diese in Russland bis zu der 12. Schwangerschaftswoche möglich.

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    Weitreichende Folgen dürfte das Verhalten der russisch-orthodoxen Kirche für ihre Zukunft in der Ukraine haben, wo bereits nach der Unabhängigkeit 1992 sich ein Kiewer Patriarchat abspaltete. Immer wieder gab es den Vorwurf, dass die sich zum Moskauer Patriarchat bekennende Kirche die Interessen Russlands vertrete. Ein Vorwurf, der nicht unbegründet war und wohl auch ist, obwohl sich die Ukrainisch-orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats im Mai wegen dem russischen Angriffskrieg offiziell für unabhängig erklärte.



    So wurde erst Anfang Dezember ein Geistlicher zu zwölf Jahren Haft verurteilt, weil er für Russland spioniert haben soll. "Ein Teil der orthodoxen Priester in der Ukraine ist tatsächlich radikalisiert und steht zu Moskau", sagt Elsner. Ein Anfang Dezember von Präsident Wolodymyr Selenskyj angekündigtes Gesetz, soll nun daher zukünftig die "spirituelle Unabhängigkeit" der Ukraine sichern. Bisher hielt sich Selenskyj im Gegensatz zu seinen Vorgängern bei religiösen Themen zurück.

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