Fußball: Keine leichte Aufgabe für Thomas Tuchel in München

    Bolzplatz by Manu Thiele:Tuchel in München: Druck von allen Seiten

    von Ralf Lorenzen
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    Trainer des FC Bayern müssen mit meinungsstarken Bossen und Spielern klarkommen. Damit hat Thomas Tuchel Erfahrung - seine letzten Jobs endeten allerdings im Kompetenzgerangel.

    Fußball: Trainer Thomas Tuchel vom FC Bayern München.
    Thomas Tuchel als Nachfolger von Julian Nagelsmann als Trainer beim FC Bayern - geht das gut? Sportjournalist Manu Thiele analysiert den Trainerwechsel bei den Münchnern.30.03.2023 | 14:49 min
    Man stelle sich einen Fan des FC Bayern München vor, der die gerade vergangene Bundesliga-Pause auf einer einsamen Insel ohne Handy- und Internetempfang verbracht und den sein erster Weg nach der Rückkehr zum Trainingsstart an die Säbener Straße geführt hätte. Vermutlich hätte er komplett an seinen Sinnen gezweifelt.

    Bayern-Führung beweist Stärke

    Gerade eine Woche ist es her, dass die ersten Gerüchte über eine Entlassung von Trainer Julian Nagelsmann durchsickerten, nun bereitet Thomas Tuchel die Münchner auf das Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund vor. Im Rekordtempo hat der Rekordmeister den Wechsel auf der wichtigsten Position im Klub bewerkstelligt.
    Auch wenn Ex-Größen wie Lothar Matthäus den Bayern-Vorstand für die Art und Weise des Trainerwechsels kritisieren - Führungsstärke kann den Bossen niemand absprechen. Und die wollten sie mit diesem Schritt wohl beweisen, nachdem Kahn, Salihamidzic und Co. diese Qualität bei Julian Nagelsmann schwinden sah. Der Trainer habe "die Kabine verloren", war der meistgehörte Satz zu diesem Thema in den letzten Tagen.

    Trainer in Sandwichposition

    "Beim FC Bayern gibt’s Druck von allen Seiten", sagt Manu Thiele ist seinem neuen Bolzplatz. "Die Ziele sind maximal hoch: Deutscher Meister zu werden ist Pflicht, es geht um die Art und Weise, wie man gewinnt. Sobald die Bosse merken: Es läuft etwas holprig, wird gehandelt."

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    :Bolzplatz

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    Bolzplatz by Manu Thiele
    Trainer bei Bayern München hätten das Problem, dass in der Führung ehemalige Spieler säßen, die sich auch ein Urteil zutrauen, sagt der Journalist Raphael Honigstein im Bolzplatz. "Vielleicht hätte Julian Nagelsmann, der auf Platz 2 der Bundesliga-Tabelle steht und acht Spiele in der Champions League gewonnen hat, bei einem Klub wie Chelsea jetzt kein Feuer bekommen."

    Kurz Verweildauer der Bayern-Trainer

    Die letzten fünf Bayern-Trainer hatten eine durchschnittliche Verweildauer von anderthalb Jahren - trotz fünf Meistertiteln, zwei DFB-Pokalsiegen und einem Triumph in der Champions League. Bayern-Trainer können sich mitunter wie in einem Sandwich fühlen - mit starkem Druck von oben und unten, aus einem starken Vorstand und einer starken Mannschaft.
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    Kritik am Fußballgeschäft, aber auch an der eigenen Leistung: Die Entlassung von Julian Nagelsmann zeigt bei den Bayern-Spielern Joshua Kimmich und Leon Goretzka Wirkung.25.03.2023 | 5:01 min
    Oliver Kahn hat seine Rolle als Vorstandsvorsitzender nach der Nagelsmann-Entlassung so beschrieben:  "Es ist gewollt, dass auch ich immer wieder versuche, mit den Spielern zu sprechen und Einfluss zu nehmen", sagte Kahn. "Das ist uns gut gelungen."

    Wir hatten zu jeder Zeit ein klares Bild davon, wie die Spieler denken und wie sie fühlen.

    Bayern-Vorstand Oliver Kahn

    Erfahrungen mit Kabinen voller Stars

    Dass es bei Bayern eine große Rolle spielt, was die Spieler denken, ist keine neue Erkenntnis. "Es gibt Spieler wie Manuel Neuer, wie Thomas Müller, die kennen Verein und Philosophie von A-Z. Wenn man mit denen einen guten Austausch pflegt, hat man schon viel erreicht, weil deren Einfluss auf die Mannschaft groß ist", sagt "kicker"-Reporter Georg Holzner.

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    Kommentar
    Wenn ein deutscher Trainer Erfahrung darin hat, mit selbstbewussten, meinungsstarken Spielern umzugehen, dann ist es Thomas Tuchel. "Bei Paris Saint-Germain hat er den Beweis geliefert, dass er es schafft, eine fast untrainierbare Kabine zu guten Leistungen zu animieren", sagt Raphael Honigstein. Und den ebenfalls mit Stars gespickten FC Chelsea übernahm er mitten in der Saison und führte ihn noch zum Sieg in der Champions League.

    Kompetenzen klar abstecken

    Das funktionierte bei beiden Klubs, solange man ihn in Ruhe ließ und er "von den Entscheidern im täglichen Trainingsbetrieb niemanden gesehen hat", wie Honigstein sagt. Andererseits will Tuchel durchaus Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen, etwa bei Transfers, wenn er den Erfolg bedroht sieht. Zu den Entlassungen führte jeweils Kompetenzgerangel: mit dem Sportchef in Paris, mit den neuen Bossen in London.
    In München werden zumindest kurzfristig alle an einem Strang ziehen, um die Saisonziele zu erreichen. Mittelfristig müssen vor allem Kahn, Sportvorstand Hasan Salihamidzic und Tuchel ihre Kompetenzen klar abstecken, um das Modell zum Erfolg zu führen.

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