Junge Menschen in Russland: Im Krieg statt am Arbeitsplatz?

    Weniger junge Beschäftigte:Russland: Im Krieg statt am Arbeitsplatz?

    Julia Klaus
    von Julia Klaus
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    Der Anteil junger Arbeitnehmer in Russland ist so gering wie seit den neunziger Jahren nicht mehr. Der Krieg in der Ukraine ist ein Grund - aber nicht der einzige.

    Russische Soldaten
    Russische Soldaten nach einem Gefangenenaustausch (Archivfoto) - fehlen sie der russischen Wirtschaft?
    Quelle: imago

    In Russland ist die Zahl der Arbeitnehmer unter 35 Jahren im vergangenen Jahr um 1,3 Millionen Menschen zurückgegangen. Damit ist sie auf dem niedrigsten Stand seit Anfang der neunziger Jahre. Das zeigen offizielle Zahlen der russischen Statistikbehörde, über die Russlands staatliche Nachrichtenagentur Tass berichtet.
    Fehlen die Jungen am Arbeitspatz, weil sie an die Front müssen? Das sei einer der Gründe, sagt der Politologe und Experte für den postsowjetischen Raum, Gerhard Mangott:

    Ich sehe drei Faktoren, die Russlands jüngere Arbeitnehmerschaft 2022 schrumpfen ließen: Erstens Russlands generelle demografische Situation. Zweitens die Emigration aus wirtschaftlichen und politischen Gründen. Drittens der Krieg in der Ukraine.

    Gerhard Mangott, Universität Innsbruck

    Die Gründe im Überblick:

    1. Russlands Demografie: die Bevölkerung schrumpft

    Russland erlebte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs einen Rückgang der Geburtenrate. Die wirtschaftliche Situation war schlecht, Menschen bekamen weniger Kinder. Experten sprechen von der "demografischen Grube" der neunziger Jahre.
    ZDF-Russland-Korrespondent Christian Semm dazu: "Deshalb hat sich in den letzten zehn Jahren generell die Anzahl der Arbeitnehmer im Alter von bis zu 30 Jahren um 5,9 Millionen Menschen verringert."
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    Dem steuerte der Staat entgegen und schuf 2007 einen finanziellen Anreiz - das sogenannte Mutterschaftskapital. "Für das zweite Kind gab es Geld vom Staat - für das dritte mehr - und für alle weiteren noch mehr", erklärt Politologe Mangott.
    Das habe die Geburtenrate etwas steigen lassen, so Mangott. "Derzeit sterben aber wieder deutlich mehr Menschen in Russland, als neue geboren werden. Das Schrumpfen der Bevölkerung war schon vor dem Ukraine-Krieg ein Problem für Russland."

    2. Auswanderung wegen politischer Repression und wirtschaftlich begründeter "brain drain"

    Schon vor dem Angriffskrieg Russlands in der Ukraine sind viele Jüngere ausgewandert. "Schätzungen von NGOs zufolge sind 2022 aus Russland 500.000 bis 600.000 Menschen emigriert", sagt der Politologe Mangott. "Gründe dafür waren auch die Flucht vor politischer Verfolgung sowie wirtschaftlich motivierte Fluchtbewegungen. Vor allem junge Hochqualifizierte im Alter von 20 bis 30 Jahren sind ausgewandert."
    Ein solcher "brain drain" - ein Abfluss von gut Ausgebildeten - tut keiner Wirtschaft gut. Um ausgewanderte Fachkräfte anzuwerben, hat Russland deshalb auch ein Rückholprogramm gestartet.

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    3. Russlands Teilmobilmachung - Einsatz an der Front

    Am 21. September 2022 hatte Kreml-Chef Wladimir Putin die Teilmobilmachung angeordnet. Bestimmte Branchen waren davon allerdings ausgenommen, darunter der IT-Sektor. Man wollte nur bestimmte Arbeitnehmer an die Front schicken.

    Der Ukraine-Krieg ist sicher ein Grund dafür, warum im Jahr 2022 viel weniger Jüngere dem russischen Arbeitsmarkt zur Verfügung standen: Weil sie an der Front waren, dort gefallen sind, gefangen genommen wurden oder vor der Teilmobilmachung geflohen sind.

    Gerhard Mangott, Universität Innsbruck

    Wie viele junge Russen deshalb nicht in ihren Betrieben arbeiten konnten oder wollten, dazu gibt es keine offiziellen Zahlen. "Das werden wir vermutlich nie erfahren", sagt Mangott.
    Fazit: Die Zahl der jüngeren Arbeitnehmer in Russland ist im Kriegsjahr 2022 stark geschrumpft. Das liegt aber nicht nur daran, dass Menschen an die Front geschickt werden. "Es ist ein Komplex von Ursachen, die den akuten Mangel an jungen Arbeitskräften in der Wirtschaft des Putin-Reichs ausgelöst haben", so ZDF-Korrespondent Semm.
    Der Politologe Mangott von der Uni Innsbruck sagt dazu: "Wenn ich die drei Faktoren Demografie, Flucht aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen und den Ukraine-Krieg vergleiche: Dann spielt die Demografie sicher die größte Rolle."
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