Angriff im Gazastreifen: Journalisten im Visier Israels?

    Exklusiv

    Angriff auf AFP im Gazastreifen:Journalisten im Visier Israels?

    von Christo Buschek, Maria Christoph, Dajana Kollig, Frederik Obermaier und Maria Retter
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    Im November treffen Geschosse das Gaza-Büro der Nachrichtenagentur AFP. Israel streitet einen gezielten Angriff ab. Recherchen von ZDF frontal wecken daran massive Zweifel.

    AFP Büro Gaza
    Angriff auf AFP in Gaza-Stadt: Seit dem 2. November 2023 klafft in der Außenwand des Büros der französischen Nachrichtenagentur ein großes Loch.
    Quelle: AFP

    Der verhängnisvolle Angriff beginnt am 2. November 2023 kurz vor Mittag. Um 11:57 Ortszeit schlägt ein Geschoss im Büro der französischen Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP) in Gaza-Stadt ein. Innerhalb weniger Minuten wird mindestens vier Mal auf das Haus geschossen. Es wird niemand getötet, jedoch klafft ein großes Loch in der Außenwand des Gebäudes, journalistisch arbeiten kann hier niemand mehr.
    AFP kritisiert den Angriff "aufs Schärfste" und betont, dass die Redaktion dem israelischen Militär ihren Standort mehrmals mitgeteilt habe, um einen versehentlichen Beschuss zu verhindern. Israel weist den Vorwurf eines gezielten Angriffs zurück.
    Nun aber weckt eine internationale, von der Journalistenorganisation Forbidden Stories koordinierten Recherche, an der neben ZDF frontal auch AFP beteiligt war, massive Zweifel an dieser Darstellung. Im Raum steht der Vorwurf eines Kriegsverbrechens. "Journalistische Infrastruktur ist zivile Infrastruktur", sagt Irene Khan, UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit.

    Gezielter Beschuss würde möglicherweise ein Kriegsverbrechen darstellen.

    Irene Khan, UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit

    Khan fordert daher eine unabhängige Untersuchung.
    Eine Redaktion in Trümmern: Die Büros der Nachrichtenagentur AFP in Gaza-Stadt.
    Eine Redaktion in Trümmern: Die Büros der Nachrichtenagentur AFP in Gaza-Stadt.
    Quelle: AFP

    Koordiniert von der Journalistenorganisation Forbidden Stories haben ZDF frontal und zwölf Medienhäuser aus aller Welt - darunter der Guardian, Arab Reporter for Investigative Journalism, Radio France und Le Monde - in einer viermonatigen Recherche Angriffe auf Journalisten im Gazastreifen untersucht. Bei der Recherche haben erstmals auch arabische und israelische Medien zusammengearbeitet.

    Weltweit haben 50 Journalistinnen und Journalisten Hunderttausende Telegram-Nachrichten, hunderte Fotos, Satellitenbilder und Videos ausgewertet sowie über 100 Experten und Augenzeugen gesprochen. Das Rechercheteam interviewte Soldaten der israelischen Armee, ebenso Reservisten, Deserteure und Aktivisten.

    Beschuss durch israelischen Panzer

    Eine Analyse von Video- und Tonaufnahmen zeigt, dass das AFP-Gebäude mit sehr großer Wahrscheinlichkeit vom israelischen Militär beschossen wurde. Mehrere unabhängige Experten bestätigen dies. Unter anderem kommt die auf derartige Untersuchungen spezialisierte Organisation Earshot in einem Gutachten, dass ZDF frontal mit in Auftrag gegeben hatte, zu dem Schluss, dass der Schaden "durch ein von einem israelischen Panzer abgefeuertes Geschoss verursacht wurde". Die Schüsse seien aus ungefähr drei Kilometern Entfernung abgefeuert worden.
    Trümmerstraße in Rafah, weitwinkel
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    Der Ort, von dem sie offenbar abgefeuert wurden, ist den Recherchen zufolge ein unbebautes Grundstück am Meer. Von dort hat man freie Sicht auf das Gebäude, in dem Journalisten der Nachrichtenagentur seit 2015 arbeiten. Auf Satellitenbildern des Anbieters Planet Labs PBC sind einen Tag nach dem Angriff auf dem freien Feld Spuren von schweren Fahrzeugen, vermutlich Panzern, zu erkennen.
    Satellitenbilder
    Von hier aus könnte der Angriff auf das AFP-Büro erfolgt sein. Satellitenaufnahmen von Gaza-Stadt vor und einen Tag nach dem Beschuss. Es sind verdächtige Spuren schwerer Fahrzeuge wie Panzer zu sehen.
    Quelle: ZDF/Planet Labs PBC

    Auf einem Satellitenbild, das zwei Tage vor dem Angriff aufgenommen wurde, waren sie noch nicht zu sehen.
    Orte im Gazastreifen
    ZDFheute Infografik
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    Live-Übertragung im Visier?

    Unklar bleibt, warum das israelische Militär das AFP-Büro offenbar ins Visier nahm. Wollten die Soldaten womöglich eine Live-Übertragung stoppen? Schließlich war AFP zum Zeitpunkt des Angriffs nach eigenen Angaben die letzte große Nachrichtenagentur, die per Livestream Tag und Nacht aus dem Gazastreifen übertrug - die entsprechende Kamera stand auf einem Balkon im zehnten Stock des Gebäudes.
    Eine Journalistin mit Schutzausrüstung betrachtet die Zerstörung um sich herum in Chan Yunis, einer Stadt in Gaza. Im Hintergrund sieht man die grafische Darstellung einer Weltkarte, die zeigt, wie es in den verschiedenen Ländern der Welt um die Pressefreiheit steht.
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    Eine ZDF-Analyse zeigt, dass im aktuellen Konflikt mindestens fünf Mal live sendende Journalisten oder Kameras beschossen wurden, die zu diesem Zeitpunkt oder kurz zuvor live auf Sendung waren. Im Oktober starb bei einem solchen Angriff an der israelisch-libanesischen Grenze ein Journalist der Nachrichtenagentur Reuters. Experten kamen zu dem Schluss, dass ein israelischer Panzer das Feuer eröffnet hatte. Livestreams sind dem Militär wahrscheinlich auch deshalb ein Dorn im Auge, weil die Hamas die Bilder auswerten könnte, um israelische Soldaten und Panzer aufzuspüren.

    Seit dem brutalen Hamas-Angriff auf Israel vom 7.Oktober sind im Gazastreifen nach Angaben verschiedener Nichtregierungsorganisationen mehr als 100 Journalisten getötet worden. Reporter ohne Grenzen spricht von mindestens 105 Toten. Damit starben in den vergangenen acht Monaten mehr Journalisten und Medienmitarbeiter während des Gazakriegs als im gesamten Jahr 2022 auf der ganzen Welt. Beim Internationalen Strafgerichtshof sind mehrere Anzeigen gegen den Staat Israel anhängig. Der Vorwurf: Kriegsverbrechen gegen Journalisten und vorsätzliche Zerstörung von Redaktionsräumen. Israel weist den Vorwurf vehement zurück.

    Nach ZDF-Recherchen hat die israelische Armee in den vergangenen Monaten mindestens 14 Journalisten angegriffen und teils sogar getötet, die durch entsprechende Schriftzüge auf ihren Schutzwesten klar als Berichterstatter erkennbar waren. Eindeutig als Pressefahrzeuge gekennzeichnete Autos wurden beschossen und augenscheinlich von Panzern überrollt und zerstört. Das israelische Militär bestreitet, Journalisten gezielt anzugreifen. Allerdings könnten Journalisten "bei Luftangriffen oder operativen Maßnahmen gegen militärische Ziele zu Schaden gekommen sein".

    Für westliche Journalisten ist der Gazastreifen abgeriegelt

    Israel hat den Gazastreifen nach dem brutalen Angriff der Hamas auf mehrere Kibbuzim und ein Musikfestival abgeriegelt. Westliche Journalisten dürfen seither nur begleitet vom israelischen Militär - und entsprechend eingeschränkt - aus dem Gazastreifen berichten. Viele Medien sind bei ihrer Berichterstattung auf Livestreams oder - wie in der Vergangenheit auch das ZDF - auf die Hilfe palästinensischer Journalisten vor Ort angewiesen.
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    Konfrontiert mit den internationalen Recherchen erklärte das israelische Militär, dass der Angriff auf das AFP-Gebäude derzeit untersucht werde. "Es ist extrem wichtig, dass wir Antworten bekommen", sagt AFP-Nachrichtenchef Phil Chetwynd. Sollte Israel der Ansicht sein, dass Livestreams eine Gefahr darstellen, müssten Journalisten dies wissen. "Das ist das Mindeste." Die Kamera im AFP-Gebäude in Gaza-Stadt ist mittlerweile abgeschaltet - zu groß die Gefahr, sie regelmäßig neu auszurichten.

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