Swift-Konzerte: Wie groß ist Terror-Gefahr bei Großevents?
Interview
Swift-Konzerte in Wien abgesagt:Wie groß ist die Terror-Gefahr bei Events?
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In Wien sind drei Taylor-Swift-Konzerte wegen Anschlagsplänen abgesagt worden. Wie groß die Terrorgefahr bei solchen Events ist, erklärt eine Extremismusforscherin.
Behörden warnen zunehmend vor der islamistischen Szene. Eine hohe Gefahr geht dabei von Einzeltätern aus. Soziale Medien spielen bei der Radikalisierung eine entscheidende Rolle.08.08.2024 | 1:32 min
In Österreich wollten zwei Anhänger der Extremisten-Miliz "Islamischer Staat" (IS) bei einem Konzert des US-Popstars Taylor Swift ein Blutbad anrichten. Die für Donnerstag, Freitag und Samstag geplanten Konzerte in Wien wurden abgesagt.
Im Interview mit ZDFheute erklärt Extremismus-Expertin Julia Ebner, wie schwierig es für Sicherheitsbehörden ist, Anschläge zu verhindern - und warum man trotzdem keine Angst vor dem Besuch von Großveranstaltungen haben muss.
ZDFheute: Die Tatverdächtigen von Wien konnten rechtzeitig gestoppt werden. Wie gut funktioniert die Terrorismusabwehr generell? Was sind Herausforderungen für Sicherheitsbehörden?
Julia Ebner: Das Hauptproblem für die Behörden ist, im Internet den Überblick zu behalten. Sie müssen versuchen, in möglichst vielen verschlüsselten Kanälen drin zu sein, um zu wissen, was in der gewaltbereiten Szene passiert.
Natürlich stehen viele Bewegungen und einzelne Akteure unter Beobachtung, beispielsweise in Deutschland durch den Verfassungsschutz. Aber es können immer noch vor allem Einzeltäter und zum Teil auch organisierte Gruppen übersehen werden. Besonders wenn sie sich auf verschlüsselten Plattformen koordinieren.
Gleichzeitig gibt es auch in den überwachten Telegram-Gruppen und sogar in offenen Sozialen Medien wie X und TikTok viele Gewaltandrohungen.
In den Sozialen Medien gibt es einen ganzen Ozean an Drohungen, teils Morddrohungen.
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Julia Ebner, Extremismusforscherin
Quelle: Helena Lea Manhartsberger
... ist promovierte Wissenschaftlerin, Buchautorin und Politikberaterin.
Die gebürtige Österreicherin forscht an der renommierten Oxford-Universität und ist spezialisiert auf Rechtsextremismus, Online-Radikalisierung und europäische Initiativen zur Terrorismusprävention.
Ihre Bücher "Wut: Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen" (2017) und "Radikalisierungsmaschinen: Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren" (2019) waren Spiegel-Bestseller und wurden in mehrere Sprachen übersetzt. 2023 erschien ihr neuestes Buch "Massenradikalisierung: Wie die Mitte Extremisten zum Opfer fällt".
Darüber hinaus berät Ebner Regierungen, Geheimdienste, Technologieunternehmen und transnationale Organisationen, darunter die Nato, Europol, die Weltbank, Google und Meta und hat für das Büro der Vereinten Nationen für Terrorismusbekämpfung als Sonderberaterin für Terrorismusprävention gearbeitet.
Dabei ist es schwierig zu wissen, welche davon man wirklich ernst nehmen muss und welche vielleicht nur leere Worte oder satirisch gemeint sind. Die große Herausforderung für die Sicherheitsbehörden ist es, die richtigen Prioritäten zu setzen. Die meisten relevanten Gefahren werden aber frühzeitig erkannt und viele geplante Attentate frühzeitig identifiziert und verhindert.
ZDFheute: Die Tatverdächtigen sind jung und wahrscheinlich Einzeltäter. Ist das typisch oder stecken häufiger größere Netzwerke hinter solchen Anschlagsplänen?
Ebner: Sowohl in Österreich als auch in Deutschland, aber auch international ist zu beobachten, dass es immer mehr Fälle gibt, bei denen es sich um Einzelne handelt, die dann aber eingebettet sind in ein loses Netzwerk. Die Inspiration für einen Anschlag und die Radikalisierung zur Gewalt sind verbunden mit der Zugehörigkeit zu einem Netzwerk. In dem Fall in Wien zum "Islamischen Staat", beziehungsweise, was davon übrig ist. Vor knapp zehn Jahren war der IS noch viel zentraler organisiert und man hat damals feststellen können, dass es schon ganz konkrete Vernetzungen gab, während es jetzt auch einzelne vom IS inspirierte Täter sind.
In Wien sind drei Konzerte von US-Popstar Taylor Swift mit zehntausenden Besuchern wegen Terror-Gefahr abgesagt worden. Zwei junge Islamisten wurden festgenommen, einer gestand.08.08.2024 | 2:11 min
ZDFheute: Wie hat sich die Gefahr durch politisch motivierten Terrorismus verändert in den letzten Jahren? Ist die Terrorgefahr geringer geworden?
Ebner: Als der "Islamische Staat" noch ein eigenes Territorium hatte, im Irak und Syrien, war die Organisation noch deutlich mächtiger und medial sehr präsent. Damals haben sich deutlich mehr Menschen radikalisiert, wollten dem IS als Soldaten beitreten und haben ihn glorifiziert. Das ist jetzt deutlich weniger der Fall.
Trotzdem würde ich nicht sagen, dass die Terrorgefahr nachhaltig geringer geworden ist. Es ist eher so, dass sie in Wellen wieder auftritt.
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Julia Ebner, Extremismusforscherin
Es seien "verschiedene Faktoren geopolitischer, demografischer Natur", die zusammenkämen und eine Radikalisierung junger Menschen vorantrieben, so Terrorismusexperte Peter Neumann.09.08.2024 | 4:22 min
Aktuell ist der Gaza-Konflikt ein wichtiger Faktor - und auch rechtspopulistische, antimuslimische Bewegungen. Hier sehe ich eine große Gefahr, dass es eine starke Wechselwirkung gibt, die zu einer reziproken Radikalisierung führt. Das zeigen auch Studien.
Organisiert durchgeführte Terroranschläge haben statistisch gesehen eine höhere Opferzahl - im Vergleich zu den Taten junger Einzeltäter, die eher zu improvisierten Mitteln greifen. Bei den Anschlägen in Paris 2015 zum Beispiel wurden 130 Menschen getötet und Hunderte verletzt, bei 9/11 verloren fast 3.000 Menschen ihr Leben. Einzeltäter sind zum Teil aber schwieriger zu stoppen, weil es schwieriger ist, auf sie aufmerksam zu werden - vor allem, wenn es bislang keinen kriminellen Hintergrund gibt.
ZDFheute: Den entscheidenden Tipp im Fall von Wien sollen die US-Behörden gegeben haben. Welche Rolle spielt internationale Zusammenarbeit in der Terrorabwehr?
Ebner: Eine große Rolle. Heutzutage ist Terrorismus ein hochinternationales Phänomen: Die Prozesse bis zum eigentlichen Angriff - inklusive Inspiration, Kommunikation, Koordinierung, Planung und Waffenbeschaffung - laufen oft transnational ab. Daher ist die internationale Zusammenarbeit enorm wichtig für die frühzeitige Erkennung und Prävention.
Superstar Taylor Swift gab im Juli insgesamt drei Konzerte in Gelsenkirchen. Ganze dreieinhalb Stunden lang begeisterte sie die rund 60.000 Fans mit ihrer Musik.18.07.2024 | 1:53 min
ZDFheute: Obwohl die Tatverdächtigen in Wien im Vorfeld verhaftet werden konnten, wurden die Taylor-Swift-Konzerte jetzt abgesagt. Wie erklären Sie sich diese Entscheidung?
Ebner: Man kann sich in solchen Momenten, wenn die Ermittlungen noch laufen, nie ganz sicher sein, dass man alle Teile des Puzzles bereits aufgedeckt hat und dass es nicht doch noch einen Backup-Plan gibt, von dem man nichts weiß. Das Risiko ist in diesem Fall vermutlich zu hoch gewesen, auch wenn das natürlich eine große Enttäuschung für die Swift-Fans ist.
ZDFheute: Was würden Sie sagen: Wie sicher ist es denn heutzutage, Großveranstaltungen wie ein Taylor-Swift-Konzert zu besuchen?
Ein Restrisiko bleibt immer. Die Wahrscheinlichkeit ist aber höher, dass man bei einem Autounfall ums Leben kommt als durch einen Terroranschlag.
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Julia Ebner, Extremismusforscherin
Generell sollte man bei Großveranstaltungen immer aufmerksam bleiben. Wenn einem als Besucher etwas auffällt, sollte man den Sicherheitskräften vor Ort Bescheid sagen. Und auch wenn einem im Vorfeld etwas auffällt, sollte man sich nicht scheuen, sich bei der Polizei zu melden.
Ein festgenommener Islamist wollte in Wien bei einem Konzert von Taylor Swift ein Blutbad anrichten. Die drei Shows des Superstars wurden abgesagt. Was das für die Fans bedeutet.
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