Rückschläge im Ukraine-Krieg: Putins Schweigen, Putins Logik

    Rückschläge im Ukraine-Krieg:Putins Schweigen, Putins Logik

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    Zuletzt äußert sich Wladimir Putin ungewöhnlich wenig zum Krieg in der Ukraine. Über die Rückschläge seiner "Spezialoperation" schweigt er. Welche Taktik dahinter steckt.

    Wladimir Putin
    Wladimir Putin zeigt sich seit dem Rückzug aus Cherson ungewöhnlich schweigsam.
    Quelle: ap

    Als die russische Militärführung vor laufenden Kameras den Rückzug aus Cherson verkündete, war einer nicht dabei: ihr Präsident. Wladimir Putin besuchte währenddessen eine neurologische Klinik in Moskau.
    Später sprach er bei einer anderen Veranstaltung, erwähnte aber mit keinem Wort den für Russland demütigenden Truppenabzug aus der wichtigen Stadt im Süden der Ukraine.
    Auch in den folgenden Tagen äußert er sich nicht öffentlich dazu. Putins Schweigen fällt in eine Zeit zunehmender Rückschläge für sein Land. Der Präsident scheint für die Überbringung schlechter Nachrichten andere vorzuschicken - eine Taktik, die er schon während der Corona-Pandemie verfolgt hatte.

    Region Cherson war für Russland strategisch wichtig

    Cherson war die einzige Regionalhauptstadt, die die russischen Truppen in der Ukraine eingenommen hatten. Schon in den ersten Tagen des Krieges in der Ukraine besetzten sie die Stadt und einen Großteil der Region, die ein wichtiger Zugang zur Halbinsel Krim ist.
    Ende September annektierte Moskau illegal die Region Cherson sowie drei weitere ukrainische Provinzen. Putin war persönlich Gastgeber dieser pompösen Zeremonie in Kreml, bei der die Annexion formell festgeschrieben wurde. Er verkündete, die Bewohnerinnen und Bewohner von Luhansk, Donezk, Cherson und Saporischschja würden "für immer" zu russischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern.
    Nur gut einen Monat später verschwanden die russischen Trikoloren wieder von Regierungsgebäuden in Cherson und wurden durch die gelb-blauen Flaggen der Ukraine ersetzt.

    Politologin: Putin "lebt weiter in der alten Logik"

    Der Rückzug aus Cherson und Umgebung bis zum Ostufer des Dnipros war nach russischen Militärangaben am 11. November abgeschlossen. Der Präsident hat den Abzug seitdem bei keinem seiner öffentlichen Auftritte erwähnt. Putin "lebt weiter in der alten Logik", schrieb die Politologin Tatjana Stanowaja kürzlich in einem Kommentar:

    Das ist kein Krieg, es ist eine Spezialoperation, wichtige Entscheidungen werden von einem kleinen Kreis von 'Experten' getroffen, während der Präsident Abstand hält.

    Tatjana Stanowaja, Politologin

    Dabei hatte Putin gerüchteweise einst persönlich den Militäreinsatz in der Ukraine beaufsichtigt und Generälen Befehle zu den Kämpfen erteilt.



    Putins Darstellung: Der Präsident macht keine Fehler

    Der unabhängige Politikexperte Dmitri Oreschkin führt Putins Zurückhaltung auf die Tatsache zurück, dass der Präsident an einem politischen System nach sowjetischem Vorbild festhalte. Hier könne der Chef per Definition keine Fehler machen. "In Putins System werden für alle Niederlagen andere verantwortlich gemacht", erklärt Oreschkin.

    Wenn er irgendwo verloren hat, ist das erstens unwahr und zweitens ist es nicht seine Schuld.

    Dmitri Oreschkin, Politikexperte

    Putins Schweigen zu wichtigen Entwicklungen im Krieg stößt nun selbst bei einigen seiner Anhänger auf Unmut. Dass er sich nicht zum Rückzug aus Cherson geäußert habe, sei besorgniserregender als "die Tragödie von Cherson selbst", schrieb der Kreml-nahe Politologe Sergej Markow in einem Facebook-Post. Das Verhalten des Präsidenten sei eine "Demonstration eines totalen Rückzugs".
    Wladimir Putin galt immer als kühler und berechnender Stratege. Doch im Ukraine-Konflikt scheint der russische Präsident völlig verändert. Immer mehr Fachleute treibt deshalb die Frage um, wie es eigentlich um Putins psychische Verfassung bestellt ist.04.03.2022 | 3:12 min
    Andere versuchen, die Entwicklung positiv zu interpretieren und das auch Putin zuzuschreiben. Mit dem Rückzug habe der Präsident Menschenleben retten wollen, sagte der regierungstreue TV-Moderator Dmitri Kisseljow in seiner Nachrichtensendung.
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    Quelle: Dasha Litvinova, AP

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