Diesel für den Krieg: Was wusste Wintershall Dea?

    Neue Hinweise:Diesel für Krieg: Was wusste Wintershall Dea?

    von Hans Koberstein
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    Der deutsche Mineralölkonzern Wintershall Dea ist mit seinen russischen Joint Ventures unfreiwilliger Rohstofflieferant für die Herstellung von Militärdiesel.

    Logo von Wintershall Dea vor der Unternehmenszentrale in Kassel
    Die Wintershall Dea AG ist ein deutscher Gas- und Ölproduzent.
    Quelle: pa/dpa

    Wie sehr ist der deutsche Konzern Wintershall Dea in die russische Kriegsmaschinerie verstrickt? Diese Frage rückt angesichts aktueller Recherchen von ZDF frontal erneut in den Fokus. Denn neue Hinweise erhärten den Verdacht, dass Wintershall Dea über seine russischen Beteiligungen Rohstoff lieferte zur Produktion von militärischem Treibstoff, den Russland in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine nutzen kann.
    Recherchen von ZDF frontal und "Spiegel" deckten im vergangenen November auf, dass Wintershall Dea in die russische Kriegsmaschinerie verstrickt ist. Der deutsche Konzern lässt in Sibirien gemeinsam mit Gazprom Gaskondensat fördern. Kondensat ist ein leichtes Öl. Das gelangte in eine Lieferkette für militärisch genutzten Treibstoff im Ukraine-Krieg, so die Recherchen.
    Wintershall Dea hatte diese Recherchen zurückgewiesen. Das Kondensat werde ab Bohrloch direkt an Gazprom übergeben, auf die weitere Verwendung habe man keinen Einfluss. Eine Verbindung zum russischen Angriffskrieg sei "konstruiert".
    Rettungskräfte tragen den Körper eines Toten aus einem zerstörten Wohnhaus in Dnipro, Ukraine.
    Wie verstrickt ist Wintershall Dea?24.01.2023 | 8:04 min

    Neue Recherchen zu Militärdiesel

    Neue Recherchen von ZDF frontal zeigen jetzt: Ein bedeutender Teil des Kondensats, das Wintershall Dea und Gazprom in Westsibirien fördern lassen, gelangt zur Gazprom-Raffinerie Salavat. Vertreter von Wintershall und deren Mutterunternehmen BASF hatten eben diese Raffinerie 2018 zu einem mehrtägigen Arbeitstreffen besucht. Dabei ging es um den Ausbau der langfristigen Zusammenarbeit zwischen Russen und Deutschen.
    Ausgerechnet diese Raffinerie Salavat ließ sich vom russischen Verteidigungsministerium für die Herstellung von Militärdiesel zertifizieren, und zwar wenige Monate vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Im November 2021 veröffentlichte Gazprom eine Pressemitteilung zum Militärdiesel - in englischer Sprache. Darin heißt es: Die Raffinerie Salavat werde weiterhin Produkte an das Verteidigungsministerium der Russischen Föderation liefern.
    Auf Nachfrage des ZDF erklärt Wintershall Dea, davon nichts gewusst zu haben. Das sei schwer nachvollziehbar, meint der Bundestagsabgeordnete Robin Wagener von den Grünen: "Wer in einer aggressiven Diktatur Geschäfte machen will, ist mindestens verantwortlich dafür, sich genau über alle öffentlich verkündeten Machenschaften des Regimes im Umfeld zu informieren", sagt Wagener.

    Die jüngsten ZDF-Recherchen zu Wintershall Dea zeigen erneut, wie gefährlich die Präsenz deutscher Unternehmen auf dem russischen Markt war.

    Robin Wagener (Grüne), Bundestagsabgeordneter

    "Ein Lieferant für den russischen Angriffskrieg"

    Der Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Oleg Ustenko, findet markige Worte: "Das spricht der Behauptung von Wintershall Dea Hohn, dass es keine Verbindung zum russischen Militär gebe". Die Raffinerie Salavat bezeichnet Ustenko als "einen Lieferanten für Diesel, den Russland für Angriffe auf die Ukraine nutzt".
    Wintershall Dea weist die Anschuldigung zurück.

    Es gibt keinen Beweis dafür.

    Unternehmensprecher Wintershall Dea

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    Zerstörung mit deutscher Hilfe?08.11.2022 | 9:58 min
    Nach Recherchen der Menschenrechtsorganisation Global Witness und Radio Free Europe liefert die Raffinerie Salavat seit Kriegsbeginn auffällig viel Diesel in die russische Grenzregion zur Ukraine. Besonders pikant: Einer der Abnehmer sei die russische Firma "Kedr" mit Sitz auf der von Russland besetzten Krim. "Diese Firma hat nach unseren Recherchen mehrmals Kraftstoff an das russische Militär geliefert", erklärt Pavle Popovic von Global Witness.

    Wintershall Dea weist Anschuldigungen zurück

    Wintershall Dea widerspricht und erkennt auch in den neuen Recherchen keinen Beleg für eine Verwendung des geförderten Kondensats für militärische Zwecke: "Wir weisen diese Anschuldigungen zurück", heißt es aus der Kasseler Unternehmenszentrale.
    Für die ukrainische Regierung fordert Präsidentenberater Ustenko Wintershall Dea auf, das Russlandgeschäft endlich aufzugeben.

    Sie sagen, dass sie Russland verlassen, aber wir haben kein festes Ausstiegsdatum.

    Oleg Ustenko, ukrainischer Präsidentenberater

    Ein Ausstiegsdatum will Wintershall Dea auf Nachfrage von ZDF frontal nicht nennen. Der Rückzug bleibe ein "langwieriger Prozess", erklärt ein Unternehmenssprecher, weil die russische Regierung beständig neue Hindernisse schaffe. Aber: "Die Entscheidung, sich aus Russland zurückzuziehen, ist endgültig. Es gibt kein Zurück."

    Milliarden deutschen Steuergelds auf dem Spiel

    Wenn Wintershall Dea sich tatsächlich aus Russland zurückzieht, könnte es sich für die Verluste entschädigen lassen. Der deutsche Staat hat dem Konzern für sein Russlandgeschäft Garantien in Höhe von 3,8 Milliarden Euro gegeben. Wintershall Dea könnte die Auszahlung beantragen, will sich dazu aber nicht äußern.
    Auch das zuständige Bundeswirtschaftsministerium winkt ab: "Ihre Fragen betreffen Geschäftsgeheimnisse der Firma Wintershall Dea", heißt es. Das Russlandgeschäft von Wintershall Dea könnte den deutschen Steuerzahler noch teuer zu stehen kommen.
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    Seit Februar 2022 führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kiew hat eine Gegenoffensive gestartet, die Kämpfe dauern an. News und Hintergründe im Ticker.
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