Nach Angriff auf Ukraine: Russland und China helfen sich

    Russisch-chinesische Beziehung:Moskau und Peking: Freunde, die sich helfen

    von Christian Semm
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    Seit Russlands Angriff auf die Ukraine sind Peking und Moskau wirtschaftlich zusammengerückt. Was das bedeutet, zeigt sich bei einem Besuch an der russisch-chinesischen Grenze.

    Das Bild zeigt die Fahnen von Russland und China, die gemeinsam auf einem Schreibtisch in Blagoweschtschensk stehen.
    Im russischen Blagoweschtschensk an der Grenze zu China wird die Beziehung zwischen Moskau und Peking zelebriert.
    Quelle: ZDF

    "Zwei Monate lang war ich an der Front, jetzt fliege ich endlich wieder zu meiner Familie", erzählt der junge Mann im Tarnfleck-Outfit einem anderen jungen Mann, ebenfalls im grünen Kampfanzug unterwegs. Er erzählt das im Bus, der uns vom Gate am Moskauer Flughafen Domodedowo zum Flugzeug bringt.
    Er erzählt es so laut, dass alle es hören können. Auch wenn man tausende Kilometer weit weg fliegt von der Ukraine, die vom Kreml sogenannte "Spezialoperation" fliegt in Russland immer mit. Wir sind unterwegs von Moskau nach Blagoweschtschensk. Sieben Flugstunden von Moskau entfernt.

    Chinesische Händler mit Liebesbekundung an Putin

    Die Stadt mit ihren rund 215.000 Einwohnern liegt am Ufer des Amur. Der ist jetzt im März noch in Eisstarre, die russischen Grenzschützer donnern mit ihrem grünen Buchanka übers Eis. Denn der Fluss ist hier gleichzeitig die Grenze zwischen Russland und dem Nachbarland China.
    Von der anderen Seite des Flusses grüßt die chinesische Stadt Heihe. Abends mit blinkender Skyline und lockender Lichtshow. In einem Großhandelsbetrieb in Blagoweschtschensk hängen chinesische Lampen und Neujahrsbotschaften an der Wand. In der Ecke steht ein altes Portrait vom jungen Wladimir Putin. "Den lieben wir, deshalb steht er da", erzählt uns Han Hongyang.
    Das Bild zeigt Han Hongyang, Chefin eines russischen Großhandelsbetriebs, die vor einem Porträt von Russlands Präsidenten Putin steht.
    Die in Russland ansässige chinesische Unternehmerin Han Hongyang hat ein Porträt von Russlands Präsidenten Wladimir Putin in ihrem Betrieb aufgestellt.
    Quelle: ZDF

    Russland und China intensivieren Wirtschaftsverbindungen

    Hongyang ist Chinesin und die Chefin hier. Seit fast 30 Jahren lebt sie in Russland. Das habe sich irgendwie so ergeben, erzählt sie bei einer Tasse chinesischem Tee. Dann führt sie uns durch eine riesige Lagerhalle. Hier gibt es alles für den Hausbau: Zäune, Dämmmaterial, Glas, Maschinen, Metall, aber auch Autoteile. Alles eben, was sich in Russland gut verkaufen lässt und alles kommt aus China.
    Im letzten Jahr sind die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen beiden Ländern noch enger geworden. "Für uns ist das gut, dass es die Sanktionen gibt. Die Russen haben Erdöl, wir brauchen Erdöl und wir brauchen Gas. Wir sind mit den Russen befreundet, deshalb helfen wir uns. Wir kaufen und verkaufen. Russland bekommt aus China vieles: Technik, Baumaterialen, Bekleidung", sagt sie zufrieden.

    Russisches Öl nach China - Chinesische Waren nach Russland

    Russland verkauft sein Öl jetzt nicht mehr nach Europa, sondern nach China. Dort profitiert man von den niedrigen Marktpreisen. Russland wiederum importiert mehr Waren aus China, weil durch die westlichen Sanktionen gegen Russland viele Dinge im Land fehlen.
    Um 30 Prozent ist der Warenaustausch zwischen den beiden Großmächten im Jahr 2022 gestiegen. Sichtbar wird das auch hier, auf einem Parkplatz in einem Industriegebiet in Blagoweschtschensk. Hier werden Lkw aus China importiert und direkt weiterverkauft. Sitrak und XCMG, statt MAN oder Volvo. Der Parkplatz ist voll mit chinesischen Nutzfahrzeugen. Aufgereiht stehen hier auch Bagger und Transporter. Doch Autohändler Denis Kusmitschow sagt, eigentlich sei der Parkplatz gerade eher leer.

    Autohändler: Chinesische Marken haben europäische Bauteile

    "Das ist nur ein Rest an Fahrzeugen. Jeden Tag liefern wir mehrere Lkw aus. An manchen Tagen Dutzende", sagt Kusmitschow. Und dann klingelt auch schon wieder sein Handy. Der nächste Interessent.
    "All die traurigen Ereignisse haben hier Einfluss auf das Wachstum der Verkäufe genommen. Denn die Sanktionen beschränken die Einfuhr europäischer Fahrzeugmarken. Anfangs haben das viele bedauert, dass die Europäer den Markt verlassen haben, aber die chinesischen Hersteller haben große Anstrengungen unternommen, um die Qualität ihrer Fahrzeuge zu investieren. Da werden sehr viele europäische Bauteile verwendet und die Kunden sind in der letzten Zeit sehr zufrieden", sagt er, bevor es schon wieder klingelt.
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    Russische Ökonomen waren vor Abhängigkeit von China

    In Blagoweschtschensk schauen die Menschen eher Richtung Osten, statt nach Westen. Europa ist weit weg. Den Handel weiter ankurbeln soll auch eine neue Autobahnbrücke, die die beiden Städte miteinander verbindet.
    Wirtschaftsexperten wie Wladislaw Inosemtsew warnen, Russland mache sich zu abhängig vom mächtigen Nachbarn und die eigene Wirtschaft nicht so stark, wie behauptet. "Man darf Putin nicht glauben, wenn er sagt, die russische Wirtschaft habe sich erholt. Das ist eine komplette Lüge. Aber China hat gewonnen. Dieses Jahr hat es Russland sehr stark an sich gebunden und ist zu einem alternativlosen Käufer für eine lange Liste an Waren geworden."

    Aber China war nie an einem starken Russland interessiert. China hat überhaupt keine Verbündeten.

    Wladislaw Inosemtsew, russischer Wirtschaftsexperte

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    Russische Grenzstadt hofft auf mehr chinesische Touristen

    In Blagoweschtschensk haben sie keine Angst vor zu großem chinesischem Einfluss oder wirtschaftlicher Abhängigkeit. In Blagoweschtschensk hoffen sie, dass nach der langen Pause durch Corona wieder chinesischen Touristen in die Stadt kommen.
    Und die Unternehmerin Han Hongyang in ihrem Baubetrieb hofft, dass bald Frieden herrscht in der Ukraine. "Wenn es Krieg gibt, ist das für alle Menschen schlecht."
    Christian Semm ist Korrespondent im ZDF-Studio Moskau.
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    :Aktuelles zum Krieg in der Ukraine

    Seit Februar 2022 führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kiew hat eine Gegenoffensive gestartet, die Kämpfe dauern an. News und Hintergründe im Ticker.
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