Leistenbruch - harmlos oder Notfall? Tipps zur Behandlung

    Von harmlos bis Notfall:Leistenbruch - keine Frage des Alters

    von Anja Baumann
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    Ein Leistenbruch heilt nicht von allein. Auch wenn er erst einmal keine Schmerzen verursacht, der Weg ins Krankenhaus ist nicht zu vermeiden. Was man zur OP wissen sollte.

    Minimal invasiv oder offen?23.01.2023 | 4:56 min
    Viele Betroffene bemerken im Alltag lange Zeit nichts von ihrem Leistenbruch. Selbst beim Sport ist oft nichts zu spüren. Bis er plötzlich sichtbar wird: als Schwellung oder Beule in der Leiste.

    Männer häufiger von Leistenbruch betroffen

    In erster Linie trifft es Männer. Sie erkranken zehnmal häufiger als Frauen. Auch Kinder sind betroffen, Jungen viermal häufiger als Mädchen.
    Da der Bruch nicht von selbst wieder zusammenwächst, raten Ärzte in der Regel zeitnah zu einer Operation. Ansonsten besteht die Gefahr, dass ein Leistenbruch zum Notfall wird. Nämlich dann, wenn Darmschlingen in den Leistenkanal rutschen, einklemmen und absterben.

    Das ist eine lebensbedrohliche Situation, die wir sicherlich 20, 30 mal im Jahr hier bei uns über die Notaufnahme sehen.

    Prof. Wolfgang E. Thasler, Viszeralchirurg am Rotkreuzklinikum München

    Grafik Leistenbruch
    Quelle: imago images

    Leistenbruch-OPs gehören weltweit zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen.
    • Allein in Deutschland werden jährlich etwa 250.000 Leistenbrüche operiert.
    • Sie können ambulant oder stationär durchgeführt werden.
    • Es gibt eine Vielfalt an Operationsverfahren und verwendbaren Medizinprodukten, z.B. Kunststoffnetzen.
    • Bisher ist keine Operationstechnik den anderen eindeutig überlegen. Deshalb gibt es keinen "Goldstandard" zur operativen Versorgung von Leistenbrüchen.
    • Wiederkehrende Leistenbrüche und chronische Leistenschmerzen gehören zu den möglichen Hauptproblemen nach Operationen.
    • Um Ergebnisse und Qualität stetig zu verbessern, wurden Register aufgebaut. Ziel ist ein einheitlicher Maßstab für Leistenbruch-OPs und die Zertifizierung chirurgischer Zentren, um bestmögliche OP-Ergebnisse zu erzielen.

    Quelle: Netzwerk Leistenbruch

    Wie entsteht ein Leistenbruch?

    Bei einem Leistenbruch, auch Leistenhernie genannt, handelt es sich nicht um einen Bruch im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr um eine Ausdehnung oder Ausfaserung der Bauchwand.
    Ursache für einen Leistenbruch ist eine Bindegewebsschwäche im Bereich der Leiste oder eine geschwächte Bauchwandmuskulatur. Kommt es zu einem erhöhten Innendruck im Bauch, z.B. durch schweres Tragen oder Heben, starkes Pressen oder chronischen Husten, kann das Gewebe nachgeben. Es entsteht eine Lücke (Bruchpforte), durch die sich das Bauchfell in den Leistenkanal ausstülpt. Mediziner sprechen von einem erworbenen Leistenbruch.

    Auch Sport kann Druck im Bauchraum erhöhen

    Die Diagnose ist für den Arzt meist einfach. "Typische Symptome sind ziehende Schmerzen in der Leiste oder eben auch eine sichtbare Vorwölbung, dass da quasi was rauskommt, was da nicht hingehört", weiß Wolfgang E. Thasler, Viszeralchirurg am Rotkreuzklinikum München. Auch Übergewicht, Schwangerschaft und bestimmte Sportarten erhöhen den Druck im Bauchraum und können zu einem Leistenbruch führen.
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    Kinder haben in der Regel einen angeborenen Leistenbruch. Die Leiste war dann schon zum Zeitpunkt der Geburt nicht richtig verschlossen. Oft macht sich diese Lücke schon im ersten Lebensjahr bemerkbar. Eltern fällt die Wölbung in der Leiste meist beim Wickeln oder Baden auf.

    Behandlung mit Naht oder Netz?

    Ein Leistenbruch kann klassisch mit einer chirurgischen Naht behoben werden. Dabei werden vorgefallene Gewebeanteile zurückgeschoben und der Bruch vernäht. Dies ist offen über einen Hautschnitt oder per Bauchspiegelung möglich. Nachteil: An der Naht kann es zu Spannungen kommen. "Das erhöht die Gefahr, dass der Leistenbruch wiederkommt", erklärt Thasler.

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    Alternativ kann der Bruch mit einem Kunststoffnetz abgedeckt werden. Dabei handelt es sich um ein spannungsfreies Verfahren.

    Grundsätzlich hat sich die Technik der Leistenbruchoperation in den letzten 50 Jahren dahingehend weiter entwickelt, dass man heutzutage immer Fremdmaterial, also ein nicht auflösbares Netz einbringt.

    Prof. Wolfgang E. Thasler, Viszeralchirurg am Rotkreuzklinikum München

    "Wenn dort das Bauchfell gut verschlossen ist, ist eigentlich das Netz komplikationslos", sagt der Chirurg.

    Minimal-invasive Operation vorzuziehen

    Nur in seltenen Fällen, wenn die Bruchpforte sehr groß ist, gäbe es ein Risiko, dass sich das Netz verschiebt oder etwas davon in die Bruchpforte einwandert. Dann habe der Patient das Gefühl, dass er eigentlich wieder einen Bruch hat, obwohl der Bruch stabil ist, so Thasler weiter.
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    Diagnose: Leistenbruch. Männer erkranken zehnmal häufiger als Frauen. (Symbolbild)
    Quelle: Imago

    Welches Verfahren das richtige ist, sollte im Arztgespräch geklärt werden. Dabei sei die minimal-invasive Methode immer vorzuziehen, wenn andere Gründe nicht dagegen sprechen, beispielsweise die Narkose. Allerdings sollte man entsprechende Kliniken oder zertifizierte Zentren für den Eingriff aufsuchen, rät Thasler.
    Laut Netzwerk Leistenbruch ist die Erfolgsquote spannungsfreier Verfahren so hoch, dass es nur sehr selten zu einem Wiederauftreten der Erkrankung kommt. Unabhängig davon, ob der Eingriff offen oder minimal-invasiv durchgeführt wurde.

    • Wundheilung: Sind die Fäden entfernt, benötigt die Wunde keinen weiteren Schutz. Duschen ist wieder möglich; bei selbstauflösenden Fäden und Duschpflaster ab dem zweiten Tag.
    • Wundschmerz: Intensität und Dauer sind je nach Patient unterschiedlich. Bei Bedarf helfen einfache Schmerzmittel. Der Wundschmerz sollte ab der dritten Woche abgeklungen sein.
    • Krankschreibung: Je nach Tätigkeit und körperlicher Anstrengung liegt die Dauer der Arbeitsunfähigkeit zwischen zwei bis drei und vier bis sechs Wochen.
    • Körperliche Belastung: Sechs Wochen nicht schwer Tragen oder Heben, maximal zehn Kilogramm sind erlaubt.
    • Kein Autofahren zehn Tage nach OP: Wundschmerzen im Bereich der Leiste können zu einer verzögerten Reaktion, z.B. beim Bremsen, führen.
    • Sportliche Belastung: Leichte Sportarten wie Wandern oder Schwimmen sind ab der zweiten Woche, Radfahren und Joggen ab der dritten Woche nach OP möglich. Ab der sechsten Woche sind auch wieder Ballsportarten wie Fußball, Tennis oder Golf und Leistungssport erlaubt.
    • Ernährung: Leichte Mahlzeiten in den ersten Tagen nach der OP sorgen dafür, dass der Darm nicht übermäßig belastet wird. Dadurch kann Verstopfung und starkes Pressen vermieden werden.

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