Gazastreifen: Katastrophale Lage, aber auch eine Hungersnot?
Humanitäre Lage im Gazastreifen:Lage katastrophal, aber auch eine Hungersnot?
von Susana Santina, Chan Yunis/Kerem Schalom
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UN-Experten werfen Israel vor, eine Hungersnot im Gazastreifen herbeizuführen. Ein Bericht verneint derweil eine Hungersnot. Die Lage in der Region aber weiter: prekär.
UN-Experten werfen Israel vor, bewusst eine Hungersnot in Gaza herbeizuführen. Ein Bericht kommt derweil zu dem Ergebnis, bisher sei keine akute Hungersnot eingetreten.
Quelle: Reuters
Dass die Lage vieler Zivilisten im Gazastreifen - seit dem brutalen Terrorangriff der Hamas im Oktober 2023 und dem darauffolgenden militärischen Vorgehen Israels - prekär ist, daran gibt es wohl kaum Zweifel. Mehrere UN-Experten aber gehen noch weiter: Sie meldeten sich zuletzt zu Wort und sprachen von einer sich ausbreitenden Hungersnot, die sogar von der israelischen Regierung bewusst herbeigeführt werden soll.
Vorwurf: Bewusste Aushungerung der Palästinenser?
So warf unter anderen Michael Fakhri, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, der israelischen Regierung eine "vorsätzliche Kampagne der Aushungerung" gegen die Palästinenser vor und sprach von "genozidaler Gewalt". Er berichtet vom Hungertod mehrerer Kinder. Das unterstreiche, dass sich eine Hungersnot vom nördlichen Gazastreifen in den zentralen und südlichen Teil der Region ausbreite.
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IPC korrigiert Warnung vor Hungersnot
Vor einer unmittelbar bevorstehenden Hungersnot in Gaza wurde noch vor wenigen Monaten auch in einem Bericht der Initiative "Integrated Food Security Phase Classification" (IPC) gewarnt. Dieser wurde nun allerdings korrigiert. Jetzt heißt es, dass die prognostizierte akute Hungersnot bislang nicht eingetreten sei, weil "die Menge an Nahrungsmitteln und Non-Food-Produkten in die nördlichen Gouvernements zugenommen" habe.
Auch die Bereiche Hygiene und Gesundheit wurden ausgeweitet. In diesem Zusammenhang deuten die verfügbaren Beweise nicht darauf hin, dass derzeit eine Hungersnot herrscht.
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Bericht der Initiative "Integrated Food Security Phase Classification"
In dem Bericht wird allerdings auch festgehalten, dass die Situation in Gaza katastrophal sei und "ein hohes, anhaltendes Risiko einer Hungersnot im gesamten Gazastreifen" bestehen bleibe.
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Schwierige Verteilung von Hilfslieferungen
Dieses Risko leugnen auch israelische Regierungsorganisationen nicht. Diese wehren sich aber entschlossen gegen den Vorwurf, Israel wolle die Menschen in Gaza bewusst aushungern. Im Gegenteil: Man versuche, so viel Hilfe wie möglich nach Gaza zu bringen, heißt es. Am Grenzübergang Kerem Schalom treffen wir Elad Goren von der Cogat-Organisation, die im Auftrag der israelischen Armee die humanitäre Hilfe im Gazastreifen koordiniert.
300-400 LKW stehen hier täglich bereit, um herüberzufahren. Wir könnten die Zahl je nach Bedarf auch erhöhen - das Problem sind die UN-Organisationen, die die Hilfe innerhalb Gazas nicht verteilen.
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Elad Goren, Cogat
14.000 Paletten stünden auf der anderen Seite gerade bereit, sagt Elad Goren, doch die UN-Organisationen würden sie nicht abholen und somit auch nicht verteilen.
Die Vereinten Nationen fordern den unbedingten Schutz für Zivilisten in Gaza-Stadt. Das israelische Militär hatte die Menschen zuvor aufgefordert, die Stadt zu verlassen.11.07.2024 | 0:21 min
Versorgung im südlichen Gazastreifen besser
Grundsätzlich gebe es tatsächlich große Probleme, sagt Scott Anderson von der Hilfsorganisation UNRWA. Ihr wirft unter anderen die israelische Regierung eine Nähe zur Hamas vor, UNRWA bestreitet das. Auch Scott Anderson spricht nicht explizit von fehlenden Hilfsgütern. Er sieht vor allem ein großes Sicherheitsproblem, deswegen könnten im Norden aktuell nur zwischen 25 und 70 LKW am Tag fahren.
Im Süden des Gazastreifens sei die Situation besser, an guten Tagen schaffe man bis zu 100 LKW, so Anderson. Außerdem seien hier auch kommerzielle Lieferungen, also für den Handel, möglich - anders als im Norden. Diese würden allerdings mit bewaffneten Sicherheitskräften geschützt.
Das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA hat nach dem Einmarsch der israelischen Armee seine Arbeit in Rafah eingestellt. Die Hilfsdienste werden nun in Chan Yunis fortgesetzt.
mit Video
Kinder durch einseitige Ernährung erkrankt
Wir sind in Chan Yunis im Nasser-Krankenhaus. Viele Kleinkinder hier sind sehr krank, etwa weil ihnen wegen der einseitigen Ernährung Vitamine und Nährstoffe fehlen. Der Kinderarzt Dr. Mohamad Shaath berichtet im Interview mit ZDFheute, dass sie hier auch immer wieder unterernährte Kinder behandeln würden, weil Lebensmittel bei ihnen nicht ankämen.
Frische Lebensmittel zu teuer
Wenig später, im Flüchtlingslager von Chan Yunis sehen wir vor allem Dosenessen. Gemüse und Obst sind zwar auf den Märkten reichlich vorhanden, doch so teuer, dass sie sich kaum einer leisten kann. "Kostenlose frische Lebensmittel kommen bei uns kaum an", sagt Hasan Abu Alnada, der hierher geflohen ist.
Meistens ist es Dosenessen, das wir bekommen. Davon sind unsere Kinder krank geworden, es gibt auch nicht ausreichend Trinkwasser.
Rund 100.000 Menschen aus dem Gazastreifen gelang es, nach Ägypten auszureisen. Dort sind sie zwar sicher, aber perspektivlos.
Golineh Atai, Kairo
Israel: Behörden genehmigen Lieferungen
Aron Troen, Professor für Nahrungswissenschaft an der Hebrew University Jerusalem, fühlt sich durch den korrigierten IPC-Bericht bestätigt. Troen finde es "ungeheuerlich", dass UN-Experten Israel vorwerfen, die Palästinenser bewusst auszuhungern. Auch er sieht das Hauptproblem bei der Lebensmittelverteilung. "85 Prozent aller Anträge für Lebensmittellieferungen haben die israelischen Behörden genehmigt. Wie kann man dann behaupten, wir würden eine Hungersnot bewusst provozieren?"
Laut aktuellem IPC-Bericht hätte die Einrichtung weiterer Zugänge im Norden Gazas, die provisorische Anlegestelle der US-Marine und die Versorgung aus der Luft dazu beigetragen, die Situation für die Bewohner zu verbessern. Gerade die Lieferungen von Grundnahrungsmitteln funktioniere demnach derzeit einigermaßen gut - anders als die von Milchprodukten, Obst und Gemüse, die äußerst schwierig sei. Und so bleibt die Lage in Gaza wohl weiter prekär, wenn die Nahrung auf ein Minimum reduziert ist.
Vor der Küste des Gazastreifens wird ein provisorischer Hafen für Hilfsgüter in das Palästinensergebiet abgebaut. Die Mission wurde immer wieder von Rückschlägen behindert.
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