Ist "Gaza Joe" ein Opfer-Schauspieler für die Hamas?

    FAQ

    Inszenierungs-Vorwürfe im Krieg:Ist er ein Opfer-Schauspieler für die Hamas?

    Oliver Klein
    von Oliver Klein
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    Ein Influencer verbreitet hochemotionale Kriegs-Videos aus dem Gazastreifen an Millionen Follower bei Instagram. Kritiker werfen ihm vor, ein Schauspieler zu sein. Was ist dran?

    Screenshot: Instagram-Konto von Saleh Aljafarawi - Mr. Pallywood
    Instagram-Video von Saleh Aljafarawi - nach einer Explosion rennt er durch Gaza, filmt sich selbst und die Opfer.
    Quelle: instagram.com/saleh_aljafarawi

    Bei X wird er von vielen nur noch "Gaza Joe" genannt. Ein junger Mann aus Gaza teilt bei Instagram massenhaft Videos über den Krieg, erreicht damit 2,7 Millionen Follower. Seine Fans feiern ihn als wichtige Informationsquelle, die direkt und ungefiltert von der Situation in Gaza berichtet. Kritiker sehen in ihm ein Werkzeug der Hamas, werfen ihm vor, ein Schauspieler zu sein, der sich mal als Schwerverletzter, mal als Leiche, mal als Vater inszeniert.
    Wer ist der Mann? Was ist dran an den Vorwürfen? Und was steckt hinter den Propaganda-Taktiken? ZDFheute beantwortet die wichtigsten Fragen.
    Screenshot: Saleh Aljafarawi als martialischer Kämpfer mit Maschinengewehr.
    Saleh Aljafarawi zeigt sich auch schon mal als martialischer Kämpfer.
    Quelle: Screenshot X

    Wer ist "Gaza Joe"?

    Der Sänger und Influencer Saleh Aljafarawi zeigt sich in seinem Instagram-Profilbild als junger Mann mit Zahnspange, kurzen schwarzen Haaren, kurzem schwarzem Bart. Auf seinem Youtube-Kanal erklärt er, er sei 25 Jahre alt und lebe in Gaza.
    In seinen millionenfach geteilten und kommentierten Beiträgen posiert er mal martialisch mit einem Maschinengewehr in der Hand, mal feiert er den Kampf der Hamas: Als die Terrororganisation am 7. Oktober Israel angreift und hunderte Zivilisten ermordet, jubelt er in einem Video bei Instagram, schreibt dazu: "Wie stolz wir sind - möge Gott uns stärken, beschützen und uns den Sieg schenken." Nach einem israelischen Gegenschlag postet er ein Video, in dem er hemmungslos weint.
    Viele seiner Videos zeigen offenbar das Grauen des Krieges, sind nur schwer zu ertragen: Er filmt augenscheinlich schwerstverletzte Kleinkinder oder rennt schreiend direkt nach Explosionen durch die Trümmer, hält die Handykamera direkt auf Leichen und Verletzte.
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    Was wird Aljafarawi vorgeworfen?

    Zivile Opfer würden inszeniert, um Hass auf Israel zu schüren - das ist der Hauptvorwurf gegen Aljafarawi. Manche bezeichnen ihn gar als "Pallywood"-Schauspieler. Der Begriff Pallywood - eine Mischung aus Palästina und Hollywood - wird von Menschen verwendet, die davon ausgehen, dass im Gazastreifen Schauspieler ("Crisis Actors") eingesetzt werden.
    So verbreitete beispielsweise der offizielle Account des Staates Israel Ende Oktober bei X ein Video, das Saleh Aljafarawi zeigen soll - angeblich schwer verletzt nach einem Luftangriff auf dem Sterbebett in einem Krankenhaus. "Der Teufel arbeitet hart, aber die Filmindustrie in Gaza arbeitet härter", hieß es in dem Post. Das Video sei ein Fake, Aljafarawi hätte die Szene nur gestellt.
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    Was ist dran an den Vorwürfen?

    Das Problem - das Original-Video zeigt gar nicht Saleh Aljafarawi, sondern einen jungen Mann, der ähnlich aussieht: den 16-jährigen Palästinenser Mohammed Zendiq. Er sei laut Medienberichten im Sommer Opfer eines israelischen Angriffs im Westjordanland geworden. In einem Bericht vom 25. August findet sich ein Foto, das belegt: Es ist der selbe junge Mann im Krankenhausbett. Ihm wurde sein rechtes Bein oberhalb des Knies amputiert. Faktenchecks der Nachrichtenagenturen dpa, AP und Reuters kommen ebenfalls zu diesen Ergebnissen.
    Bildcollage, in der Aljafarawi vorgeworfen wird, in verschiedene Rollen zu schlüpfen.
    In einer weit verbreiteten Bildcollage wird Aljafarawi vorgeworfen, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Dass er sich als Vater, als Schwerverletzter oder Leiche inszeniert, ist widerlegt.
    Quelle: Screenshot X

    Auch auf einem anderen weit verbreiteten Foto soll Aljafarawi zu sehen sein: Eingepackt in einen Leichensack auf einer Bank sitzend, während er auf sein Handy schaut. "Die Abenteuer von Mr. Pallywood in Gaza gehen weiter", heißt es in einem tausendfach geteilten Beitrag bei Twitter. Nun sei er also eine "wiederbelebte Leiche".
    Doch auch in diesem Fall zeigt das Foto nicht Aljafarawi. Es stammt vielmehr aus dem Facebook-Profil einer Frau aus Thailand, deren Kinder sich im vergangenen Jahr für Halloween verkleidet hatten.
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    Die Hamas verbreitet in den Sozialen Medien Propaganda-Videos, die den Angriff auf Israel am 7. Oktober verherrlichen. 26.10.2023 | 2:27 min

    Wer verbreitet die Vorwürfe?

    Die Falschmeldungen wurden in Sozialen Medien, aber auch von etablierten Medien massenhaft geteilt, selbst in Deutschland: Erst Ende vergangener Woche widmete der TV-Sender "Welt" Aljafarawi einen eigenen Beitrag. Dieser sei ein "Laienschauspieler", wird behauptet: "Hier zum Beispiel spielt er einen Sterbenden in einem Krankenhaus", heißt es. "Da unten liegt er in einem Leichensack, auch das ist er" - obwohl zu diesem Zeitpunkt tagelang bekannt war, dass die Fotos nicht Aljafarawi zeigen.
    Weiter behauptet der "Welt"-Beitrag, Aljafarawi habe in einem Instagram-Posting ein verletztes Kind vor die Kamera gehalten und angegeben, der Vater zu sein. Er beklage, dass Israel Schuld sei an dessen Verletzungen. "Aber es ist gar nicht sein Kind", so der Moderator. Doch in dem gezeigten Instagram-Video sagt Aljafarawi das auch gar nicht - im Gegenteil: Niemand habe den Jungen identifizieren können, schreibt er zu dem Video. "Es waren weder Vater noch Mutter bei ihm."

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    :Gaza-Fakes: Diese Lügen lassen sich entlarven

    Rund um den Nahost-Konflikt finden in den sozialen Medien zahllose Falschbehauptungen große Verbreitung. Diese sind besonders erfolgreich - und so können sie entkräftet werden.
    von Nils Metzger und Oliver Klein
    Ein palästinensischer Demonstrant mit einer Hamas-Flagge hinter brennenden Reifen in der Stadt Ramallah im Westjordanland
    mit Video

    Ist Aljafarawi also gar kein "Crisis Actor" für die Hamas?

    Die heftigsten Schauspieler-Vorwürfe - dass er sich als Schwerverletzter oder als Leiche ausgibt - sind widerlegt. Was bleibt? Aljafarawi sucht Aufmerksamkeit, eilt zu Kriegsschauplätzen in Gaza, um von dort mit schwerverletzten Kindern hochemotionale Videos zu posten. Er spendet öffentlichkeitswirksam Blut, zeigt sich mit einem Pressehelm, hilft bei einer ärztlichen Untersuchung, um sich damit für ein Foto in Szene zu setzen. Wie authentisch oder gespielt die gezeigten Emotionen sind, lässt sich natürlich nicht überprüfen.
    Klar ist aber: Aljafarawi ist parteiisch. Mit seinen dramatischen und erschreckenden Videos sorgt er für Propagandamaterial für die Hamas und spielt deren Medienstrategie in die Karten: Sie will mit solchen Bildern Wut auf Israel erzeugen, das Land an den Pranger stellen. Das ist auch der Grund, warum die Hamas in der Vergangenheit beispielsweise zivile Opferzahlen deutlich übertrieben hat.
    Aljafarawi kann seine Arbeit wohl auch nur mit Billigung der Hamas verrichten, die versucht, eine unabhängige Berichterstattung aus dem Gazastreifen zu verhindern. Dafür, dass Aljafarawi ein Schauspieler sei, der Verletzte oder Tote verkörpert, gibt es aber keine Belege.

    Eskalation in Nahost
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