Zu wenig Vorsorge: Höhere Sterblichkeit bei Krebskranken?

    FAQ

    Wenig Vorsorge durch Corona:Höhere Sterblichkeit bei Krebspatienten?

    Britta Spiekermann
    von Britta Spiekermann
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    Einbruch bei der Vorsorge, Lücken bei der Nachsorge, Verschiebung von Operationen: Krebs ist während der Pandemie aus dem Fokus geraten - mit möglicherweise fatalen Folgen.

    Medizinisches Personal untersucht mit einer Mammografie die Brust einer Frau auf Brustkrebs, aufgenommen am 25.02.2022
    Früherkennungs-Untersuchungen gelten im Kampf gegen Krebs als unverzichtbar.
    Quelle: picture alliance/dpa | Michael Hanschke

    Thomas Seufferlein ist nicht nur Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, er ist Arzt, und er ist besorgt.

    Wir befürchten, dass viele Tumorerkrankungen, die wir jetzt diagnostizieren, schon fortgeschritten sind. Dann sehen die Heilungschancen natürlich schlechter aus.

    Prof. Dr. Thomas Seufferlein, Präsident deutsche Krebsgesellschaft

    Höhere Sterblichkeit durch verspätete Krebsdiagnosen?

    Die Prognose: möglicherweise eine höhere Krebssterblichkeit durch zu wenige Früherkennungsuntersuchungen, verschobene Operationen und Lücken bei der Nachsorge.
    Warum die Selbstuntersuchung so wichtig ist!04.10.2022 | 5:25 min
    Im Sommer lieferte der Barmer-Arztreport erste Zahlen darüber, welchen Einfluss die Corona-Pandemie auf die Krebsvorsorge hatte. Danach gab es im Vergleich von 2019 zu 2020 bei der Hautkrebs und der Darmkrebsfrüherkennung einen starken Rückgang von mehr als 20 Prozent.

    Nur langsam wieder mehr Krebsvorsorge

    "Darmkrebs ist besonders tückisch, weil er lange Zeit symptomlos bleibt, deshalb ist die Darmkrebsvorsorge besonders wichtig", erklärt Studienautor Prof. Dr. Joachim Szecsenyi aus Göttingen. Nur langsam erholt sich seit 2021 die Teilnehmer*innenrate an der Krebsvorsorge.
    Viele Patient*innen hatten während der Corona-Wellen Angst, sich in Wartezimmern anzustecken. Zudem befanden sich viele Praxen in einem dauerhaften Ausnahmezustand.

    Nachrichten | Panorama
    :Wie sinnvoll ist Krebsfrüherkennung?

    Krebsvorsorge kann Leben retten. Doch es gibt auch Risiken wie falsche Ergebnisse und unnötige Behandlungen. Welche Untersuchungen sinnvoll sind.
    Organe im Scan

    Politik muss Versorgungslücken schließen

    Auch der Blick auf planbare und verschobene Operationen zeigt erhebliche Lücken. Die Lage auf den Intensivstationen sei am Anfang "wirklich schwer" gewesen, sagt Seufferlein, aber sie hatte auch für Krebspatient*innen schwere Folgen:

    Wenn bei Ihnen eine Tumorerkrankung diagnostiziert wird, wenn Sie sechs Wochen warten, dann sind das schlimme Wochen.

    Thomas Seufferlein, Präsident deutsche Krebsgesellschaft

    Zwar hätten Ärztinnen und Ärzte in den Tälern der Pandemie viele Operationen nachgeholt, doch jetzt - in der Kinderklinik-Krise - kämen wieder die Rufe der Politik, Operationen bei Erwachsenen zu verschieben. "Das ist ärgerlich". Vorsorge und Operationen "sind keine disponiblen Ressourcen", also keine Verfügungsmasse, mahnt Seufferlein.

    Die Politik muss andere Lösungen finden, um Versorgungslücken zu schließen.

    Thomas Seufferlein, Präsident deutsche Krebsgesellschaft

    Doch in der Praxis scheint das nicht zu funktionieren. Schon am kommenden Montag geht die Berliner Charité in den Notbetrieb. Alle planbaren Behandlungen bis Jahresende werden verschoben.

    Kliniken mussten priorisieren - auch wegen Personalmangel

    Schon nach der ersten Pandemie-Welle 2020 hatte Darius Nabavi, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Berliner Vivantes Klinikum, eine Vorahnung.

    Wir müssen in der Lage sein, auch in einer Pandemie, den Blick auf konventionelle Erkrankungen zu erhalten, um auch hier für eine optimale Qualität zu sorgen.

    Prof. Dr. Darius Nabavi, Chefarzt, Vivantes Klinikum Berlin

    Doch durch die Überlastung des pflegerischen und medizinischen Personals mussten Kliniken Prioritäten setzen und wurden von der Politik auch dazu aufgefordert.
    Der unabhängige Sachverständigenausschuss - von Bundesregierung und Bundestag eingesetzt, um die Maßnahmen der Pandemie-Politik zu bewerten - diagnostiziert in diesem Sommer, unerwünschte Wirkungen der Lockdown-Maßnahmen seien die "Verschlechterung der Grundgesundheit durch verschobene medizinische Behandlungen" und "nicht erkannte Erkrankungen". Das Ausmaß ist unklar.

    Fast drei Jahre schon Leben mit Corona. Welche Schäden hat die Pandemie angerichtet? Wie fällt das Fazit aus? ZDFheute blickt in der Serie "Die Scherben der Corona-Pandemie" in verschiedene Lebensbereiche.

    Mit Enquete-Kommission Lehren ziehen?

    "Der Peak steht uns noch bevor", fürchtet Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen. Vorsorge brauche einen Neustart.

    Es darf nicht passieren, dass man uns vorwirft, wir hätten uns nicht rechtzeitig um dieses Thema gekümmert.

    Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen

    Die FDP sieht die Lage ebenfalls mit Sorge. Es sei zu erwarten gewesen, dass es durch die Pandemie einen "Stau bei der Diagnose von Krebserkrankungen" gebe, "wir Patient*innen mit höheren Tumorstadien sehen". Eine Enquete-Kommission müsse - neben der gesamten Corona-Politik - auch "diese Faktoren" aufarbeiten, um daraus Lehren zu ziehen.
    Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sagt, die Idee einer grundsätzlichen Aufklärung durch eine Kommission sei "nicht falsch", das sollte jedoch nicht vom Minister ausgehen, sondern das Parlament müsse diesen Vorschlag aufnehmen.

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