Expertin Asseburg: Vier Szenarien für den Nahost-Krieg

    Nahost-Expertin Asseburg:Vier Szenarien für den Gazastreifen

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    Wie geht es nach dem Krieg im Gazastreifen weiter? Bei ZDFheute live erläutert Politologin Muriel Asseburg vier Szenarien für die Zukunft der Palästinenser in der Region.

    Nahost-Expertin Muriel Asseburg im Gespräch mit ZDFheute live.
    Nahost-Expertin Muriel Asseburg sieht vier mögliche Szenarien für den Gazastreifen. Das wahrscheinlichste würde zu einer "nächsten Welle der Gewalt" führen.31.10.2023 | 13:30 min
    Nach dem Überfall der Hamas, bei dem nach israelischen Angaben etwa 1.400 Menschen getötet und 239 entführt wurden, reagierte Israel mit Angriffen auf den Gazastreifen. Tausende Palästinenser flüchteten in den Süden der Region Richtung ägyptischer Grenze. Wie die Zukunft für den Gazastreifen und die dort lebenden Palästineneser aussieht, ist ungewiss.
    Die Nahost-Expertin Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik hat in einem Gastbeitrag in der "ZEIT" vier mögliche Szenarien für die Zukunft des Gazastreifens beschrieben. Im Gespräch mit ZDFheute live erläutert sie die Szenarien und schätzt ein, welches das wahrscheinlichste ist.
    Sehen Sie das Interview oben im Video in voller Länge oder lesen Sie es hier zusammengefasst:
    Als mögliche Szenarien für den Gazastreifen sieht Asseburg ...

    1. Rückkehr zum Zustand vor dem Hamas-Überfall

    Die Grenze würde dann deutlich stärker gesichert, die Abriegelung des Gazastreifens fortgesetzt werden. Die Hamas wäre zwar deutlich geschwächt, würde aber weiter existieren. Denn für die israelische Armee ist die Terrororganisation schwierig zu besiegen. Sie verfügt über viele Soldaten und ist in Teilen der Gesellschaft tief verwurzelt. Die Menschen im Gazastreifen wären bei einer vollständigen Abriegelung komplett von humanitärer Hilfe abhängig.
    ZDF-Reporterin Alica Jung in Tel Aviv im Gespräch mit ZDFheute live.
    Bei Protesten im Westjordanland habe man vereinzelt Hamas-Fahnen gesehen. Aus Gesprächen berichtet ZDF-Reporterin Alica Jung, dass die meisten jegliche Gewalt jedoch verurteilen.31.10.2023 | 5:40 min
    Bei diesem Szenario würde die Pufferzone entlang des Grenzzauns im Norden des Gazastreifens wohl deutlich vergrößert werden, erklärt Muriel Asseburg. "Dass in diesem Bereich dann keine Palästinerinnen und Palästineser mehr wohnen würden, dass sie dort keine Landwirtschaft mehr betreiben könnten", sagt die Politikwissenschaftlerin. Durch die Abriegelung würden dauerhaft keine Lebensmittel mehr über Israel in den Gazastreifen kommen. Es würde keine Importe und Exporte mehr geben. Arbeitskräfte aus dem Gazastreifen könnten nicht mehr nach Israel kommen.

    2. Dauerhafte Vertreibung von Hunderttausenden Bewohnern des Gazastreifens

    Ein weiteres Szenario könnte die dauerhafte Vertreibung von Hunderttausenden Menschen aus dem Gazastreifen sein. Viele Palästinenser, die schon als Flüchtlinge nach Gaza gekommen sind, fürchten genau das. Nach Israels Aufforderung, vor einer Bodenoperation aus dem Norden des Küstenstreifens zu fliehen, sind bereits provisorische Zeltlager entstanden. Arabische Staaten wie Ägypten wollen keine Flüchtlinge aufnehmen - wohin es für die Menschen in diesem zweiten Szenario gehen würde, ist also ungewiss. 
    Angriff auf Israel (Karte Israel, Gazastreifen etc.)
    ZDFheute Infografik
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    Dieses Szenario hält Asseburg für weniger realistisch als das erste.

    Aber es ist ein Szenario, vor dem die Palästinenserinnen und Palästinenser sehr, sehr große Angst haben.

    Muriel Asseburg, Stiftung Wissenschaft und Politik

    Sie hätten deshalb so große Angst davor, "weil Politikerinnen in Israel dieses Szenario sehr stark beschwören, um Angst zu erzeugen", erklärt die Nahost-Expertin. "Mitglieder der Regierung und andere Politiker reden von einer Nakba, ähnlich der Flucht und Vertreibung von 1948." Es gäbe nur eine Richtung, in die die Palästinenser flüchten könnten - über die Grenze nach Ägypten, so Asseburg. "Ägypten hat sehr klar gemacht, dass es nicht bereit ist, Flüchtlinge aus dem Gazastreifen aufzunehmen." Wenn sich die humanitäre Situation weiter zuspitze und es zu weiteren Bombardierungen komme, sei ein Massenanstrum auf die ägyptische Grenze möglich.

    Dann würde es Kairo sehr schwer fallen, diese Menschen mit Waffengewalt davon abzuhalten nach Ägypten (...) zu fliehen.

    Muriel Asseburg, Nahost-Expertin

    Weil die Palästinenser in Ägypten wenig Perspektiven hätten, würden sie sich möglicherweise auf den Weg nach Europa machen.
    ZDF-Reporter Timm Kröger aus Tel Aviv
    Bislang habe sich Ägypten "geweigert, Flüchtlinge aus Gaza aufzunehmen". Nun würden die Behörden aber "ein Feldlazarett" errichten wollen, so ZDF-Reporter Timm Kröger aus Tel Aviv.01.11.2023 | 2:38 min

    3. Internationale Truppen sorgen für Sicherheit im Gazastreifen

    Bei Asseburgs drittem Szenario würde sich der UN-Sicherheitsrat darauf einigen, "eine robuste internationale Truppe zu entsenden", die für Ordnung und Sicherheit im Gazastreifen sorgt. Diese würde auch die Basis dafür setzen, dass eine internationale Verwaltung, eine Art Treuhandschaft, eingesetzt werden könne, als Übergang für die Rückkehr der palästinensischen Autonomiebehörde.

    Das Szenario ist aber sehr unrealistisch, weil der Sicherheitsrat derzeit sehr blockiert ist und man sich kaum vorstellen kann, dass die USA auf der einen und Russland und China auf der anderen Seite sich auf so eine Mission, auf solche Truppen und eine internationale Verwaltung einigen könnten. 

    Muriel Asseburg, Nahost-Expertin

    4. Öffnung des Gazastreifens unter internationalen Sicherheitsgarantien

    Das vierte Szenario wäre die Öffnung des Gazastreifens unter regionalen und internationalen Sicherheitsgarantien. Hierzu müsste aus Sicht von Asseburg eine Allianz aus regionalen Staaten entstehen, die die Verantwortung für den Gazastreifen übernehmen würde. Der direkte Nachbar Ägypten könnte allein nicht für Frieden in der Region sorgen, so die Expertin. Neben Ägypten müssten auch Saudi-Arabien und andere Staaten, die ihre Beziehungen zu Israel normalisiert haben, Teil einer solchen Allianz werden. Ganz wichtig sei, dass auch die USA an Bord wären - als Sicherheitsgarant für Israel.
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    Es würde dann darum gehen, ein Arrangement zu finden, das sowohl die Sicherheit Israels als auch der Palästinenserinnen und Palästinenser im Gazastreifen berücksichtige und eine wirtschaftliche Öffnung des Gazastreifens ermögliche, so Asseburg weiter. "Also die Blockade des Gazastreifens, die ja nunmehr schon seit 2006 andauert, beendet und damit nicht nur Wiederaufbau möglich macht, sondern eben auch wirtschaftliche Entwicklung."

    Welches Szenario ist am wahrscheinlichsten?

    Politikwissenschaftlerin Asseburg fürchtet, dass das erste Szenario das wahrscheinlichste ist.

    Das ist ein Szenario, das keine Stabilität bieten wird, was zur nächsten Welle der Gewalt führen wird.

    Muriel Asseburg, Stiftung Wissenschaft und Politik

    Deshalb hoffe sie, "dass die internationale Gemeinschaft das vierte Szenario, (...) obwohl es sehr viel schwieriger zu erzielen ist, (...) ernst nimmt und sagt: Dieser Schock, den wir am 07. Oktober erlebt haben und diese furchtbaren Bilder, die uns jetzt aus dem Gazastreifen erreichen, die sollten Anlass genug sein, dass wir uns endlich zusammensetzen und gemeinsam versuchen, eine Regelung zu finden - zuerst für den Gazastreifen und dann für die Palästina-Frage insgesamt."

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