Andrij Melnyk: "Krieg hätte verhindert werden können"

    Interview

    Vize-Außenminister Andrij Melnyk:"Krieg hätte verhindert werden können"

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    Andrij Melnyk war ukrainischer Botschafter in Deutschland, als Putin sein Land angriff. Im ZDFheute-Interview blickt er zurück auf die Tage nach Kriegsausbruch.

    Andrij Melnyk, Vize-Außenminister der Ukraine und frühere ukrainische Botschafter in Deutschland. Archivbild
    Andrij Melnyk, Vize-Außenminister der Ukraine und frühere ukrainische Botschafter in Deutschland. Archivbild
    Quelle: Michael Kappeler/dpa

    ZDFheute: Wie schauen Sie heute, ein Jahr später, auf den 24.02.2022, den Tag, an dem Putin Ihr Land angegriffen hat?
    Andrij Melnyk: Der 24. Februar war für mich und meine Familie der schlimmste Tag in unserem Leben. Einerseits hatten wir das mulmige Gefühl, dass dieser Krieg hätte verhindert werden können. Auf der anderen Seite hatten wir auch Hoffnung: Wenn dieser Krieg schon da ist, in dieser dramatischen Dimension, dann haben wir berechtigten Anspruch auch auf militärische Unterstützung. Und gerade weil diese Hoffnung sich nicht erfüllt hat, zumindest nicht an diesem ersten Tag, war die Erschütterung so riesig.
    ZDFheute: Sie sagen, der Krieg hätte aus Ihrer Sicht verhindert werden können: wie?
    Melnyk: Eine der schlimmsten Lehren dieses Vernichtungskrieges ist, dass die westliche Welt es verpasst hat, die Mittel präventiver Diplomatie einzusetzen. Das bedeutet, man hätte aus ukrainischer Sicht diesen Krieg mit Worten verhindern können, indem man gesagt hätte: Lieber Herr Putin, wir sehen Ihre Kriegsvorbereitungen, wenn Sie das nur wagen, dann müssen Sie damit rechnen, dass die Ukraine sofort massiv bewaffnet wird, dass allerschärfste Sanktionen gegen Russland eingeführt werden, eine komplette Isolation und internationale Ächtung würde kommen.

    Sehen Sie einen Rekonstruktion der politischen Geschehnisse in Berlin heute im ZDF heute-journal um 22:00 Uhr.

    Sie werden sich bestimmt erinnern, dass der Bundeskanzler immer wieder gesagt hat: Wir werden nicht zulassen, dass Putin uns in die Karten schaut, damit er sich nicht vorbereiten kann. Das war ein angeblich "smartes" Narrativ, viele Wochen vor Kriegsbeginn. Aus meiner Sicht war das aber ein katastrophaler Fehler.
    Übrigens auch für Deutschland selbst. Wenn wir jetzt lesen, wie groß die Verluste der deutschen Volkswirtschaft, 100 Milliarden Euro und des globalen Wirtschaftssystems 1,6 Billionen Dollar sind wegen dieses Angriffskrieges - dann ist das ein extrem hoher Preis, wenn man vergleicht, mit welchen kleineren Mitteln man diese Katastrophe für die Welt, für die internationale Ordnung und das Völkerrecht hätte verhindern können.
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    ZDFheute: Sie waren der ukrainische Botschafter in Berlin. Wie waren Ihre Gespräche kurz nach Kriegsbeginn mit den politisch Handelnden?
    Melnyk: Ich habe meinen Assistenten ganz früh am 24. Februar sofort gebeten, dass er meine dringlichen Termine oder zumindest Telefonate anfragt mit allen wichtigen Akteuren, also mit dem Bundeskanzler, dem Bundespräsidenten, der Bundestagspräsidentin, mit allen wichtigen Ministern, allen Fraktionschefs und Parteichefs der Ampel und der Oppositionspartei CDU. Es kamen leider nur wenige Antworten. Der Vizekanzler Robert Habeck hat mich mit Omid Nouripour, dem Grünen-Parteichef, in der Botschaft besucht, noch am Donnerstagmittag. Dann habe ich Bundesfinanzminister und FDP-Vorsitzenden Christian Lindner am späten Nachmittag getroffen.

    Das waren die zwei Minister, die bereit waren, sich mit mir zu treffen und zuzuhören. Dafür bin ihnen sehr dankbar.

    Andrij Melnyk, Vize-Außenminister der Ukraine

    Und ich konnte sie ausfragen, was die Bundesregierung nun vorhat. Natürlich gab es da aus ukrainischer Sicht keine Antwort, mit der wir auch nur halbwegs zufrieden hätten sein können.
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    ZDFheute: Sie haben mal erzählt, nach dem Gespräch mit Lindner hätten Sie geweint - warum?
    Melnyk: Ich hatte an diesem Tag das Gefühl, am Abgrund unserer Existenz als Staat und Kulturnation zu stehen, nach unten zu schauen und nur ein schwarzes Loch zu sehen. Mit diesem Gefühl der Verzweiflung habe ich alle Minister angeschrieben oder eben besuchen können, wie Herrn Lindner und sie um Hilfe gebeten. Mich hat das umgehauen, denn der Finanzminister schien diese menschliche Katastrophe gar nicht ernst zu nehmen, worum es wirklich für uns Ukrainer ging, dass das ein Vernichtungskrieg ist, dass Soldaten und Zivilisten sterben und das zumindest ab dem Moment der Handlungsbedarf in Deutschland akut gewesen wäre. Aber der Ukraine wurde keine Überlebenschance eingeräumt.

    Danach sind mir die Tränen geflossen. Es war unerträglich.

    Andrij Melnyk, Vize-Außenminister der Ukraine

    ZDFheute: Im Umfeld von Christian Lindner wird bestritten, dass er Ihnen diesen Eindruck vermittelt hat.
    Melnyk: Dass Herr Lindner das anders gespürt oder anders gesehen haben mag, das ist, glaube ich, menschlich normal. Er hat wohl die Lage sehr nüchtern und rational betrachtet, als ein Minister eben. Aber aus meiner Perspektive war das schockierend. Es ging ja um eine verheerende Situation, wo man sich ein Bild machen konnte, wie brutal dieser Krieg schon da war und wie er noch viel schlimmer werden würde.
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    ZDFheute: Relativ schnell, am 26.2., wurde dann aber doch über Waffenlieferungen an die Ukraine entschieden. Ein Tabubruch in Deutschland. Wie haben Sie das wahrgenommen?
    Melnyk: Am späten Samstagnachmittag habe ich von Verteidigungsministerin Lambrecht persönlich erfahren, dass Deutschland endlich Waffen liefern will. Auch da gab es dann gewisse Unterschiede, muss ich sagen: Die Zahlen waren am Ende doch nicht die gleichen wie die, die mir anfangs zugesagt wurden.
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    1.000 Anti-Panzerraketen sowie 500 Stinger-Luftabwehrraketen, das war natürlich ein echter Tabubruch für Deutschland und erst mal eine enorme Erleichterung für mich. Aber Sie müssen verstehen, dass das in Kiew anders wahrgenommen wurde. Ich habe natürlich sofort meinen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und den Außenminister Dmytro Kuleba informiert. Das Feedback war kurz und knapp. Kein einziges Wort: "Wow, Du hast es geschafft, toll, Glückwunsch", was ich schon erwartet hätte angesichts der jahrzehntelangen Blockadehaltung in Berlin. Die Antwort war ziemlich trocken: Ok, was für Waffen sind das, in welchem Umfang und vor allem wann werden sie geliefert.
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    ZDFheute: Inzwischen gibt es eine massive militärische Unterstützung für die Ukraine. Gleichzeitig werden aber auch Stimmen lauter, die auf Verhandlungen drängen. Wie nehmen Sie die Situation heute wahr?
    Melnyk: Wir wollen, dass dieser Angriffskrieg, dass dieser Wahnsinn möglichst schnell zu Ende geht. Aber Putin hat viel Zeit. Und er spielt auf Zeit, spielt darauf, dass Leute wie Frau Schwarzer oder andere Intellektuelle in Deutschland einen "Aufstand für den Frieden" wagen und zu Demos aufrufen. Ein Aufstand, um die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen.
    Und das genau ein Jahr nach Kriegsbeginn, nach all den Bildern aus Butscha oder Mariupol, die wir alle gesehen haben, das ist ein Riesenschock für mich. Denn der Ausgang des Krieges hängt jetzt zum großen Teil nicht nur von uns ab, sondern auch von unseren Verbündeten.

    Wir sind angewiesen auf diese Hilfe.

    Andrij Melnyk, Vize-Außenminister der Ukraine

    Und das heißt, wenn die Bundesregierung oder die US-Regierung sich entscheiden sollten, aus welchem Grund auch immer, zum Beispiel weil der öffentliche Druck steigt: Okay, jetzt ist Schluss, jetzt müsste man doch verhandeln - dann wäre das für uns eine weitere Katastrophe. Und deswegen müssen wir auch so scharf reagieren und unsere Partner - vor allem die Deutschen - dazu auffordern, uns zügig alle verfügbaren modernen Waffen zu liefern, auch die Kampfjets, Kriegsschiffe und U-Boote.
    Das Interview führte Andrea Maurer, Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio



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