Erinnerungstag: Mit Fußball über Vergangenheit informieren
Interview
Erinnerungstag im Fußball:"Fußballklubs für Erinnerung verantwortlich"
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Viele Fußball-Klubs beteiligen sich auch dieses Jahr mit Aktionen am "Erinnerungstag im deutschen Fußball" am 27. Januar. ZDFheute hat mit einem der Mitorganisatoren gesprochen.
Aktion zum Erinnerungstag 2025 von Ente Bagdad.
Quelle: Ente Bagadad
"Auch Fußballklubs sind in der Verantwortung, sich mit ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus zu beschäftigen", sagt Ronald Uhlich, Freizeitkicker bei Ente Bagdad und Mitorganisator der Mainzer Erinnerungswoche.
ZDFheute: Herr Uhlich, wer oder was ist Ente Bagdad?
Ronald Uhlich: Ein bunter Verein, der 1973 von Abiturienten gegründet wurde. Wir hatten einfach Bock, Fußball zu spielen, wollten uns aber nicht in einem Verein irgendwelchen Regularien unterwerfen. Wir waren von der Aufbruchsstimmung der 68er geprägt. Uns war es vor allem wichtig, dass Menschen aus verschiedenen Ländern bei uns spielen.
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ZDFheute: Was bedeutet der ungewöhnliche Name?
Uhlich: Als wir in lustiger Runde Vorschläge für einen Namen sammelten, verbanden wir mit Bagdad etwas märchenhaftes wie Sindbad den Seefahrer. Der Name war damals nicht mit kriegerischen Dingen behaftet. Und Enten fanden wir gut, weil die immer oben schwimmen und nie untergehen.
ZDFheute: Wie kam es dazu, dass Sie sich mit der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus beschäftigen?
Uhlich: 2015 sind wir durch unseren Freund, den im vergangenen Jahr gestorbenen Historiker Stefan Zwicker, zur Initiative "!NieWieder" gestoßen. Das ist ein bunter Mix engagierter Menschen, die jedes Jahr am 27. Januar den Erinnerungstag im deutschen Fußball organisieren. Das haben wir als ein gesellschaftlich wichtiges Thema gesehen und sind da richtig eingestiegen.
Die Initiative wurde 2004 mit einem Aufruf weniger Engagierter in der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau ins Leben gerufen. Im Bündnis sind neben Faninitiativen, Fanprojekten und einem breiten zivilgesellschaftlichen Verbund auch DFL, DFB, Landesverbände des DFB, DOSB und Makkabi Deutschland engagiert. Den Höhepunkt der jeweiligen Kampagnen bildet das Verlesen eines Erinnerungstextes in den Bundesliga-Stadien an den Spieltagen um den 27. Januar - dem internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Dazu kommen Lesungen, Ausstellungen, Diskussion und vieles mehr.
Die 21. Kampagne erinnert an den 80. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Bei der Auftaktveranstaltung am 13. Januar in der Mainzer Arena bedankte sich Serge Salomon, dessen Großvater Eugen Salomon Gründungsmitglied und Vorsitzender von Mainz 05 war und 1942 in Auschwitz umgebracht wurde, dass es Veranstaltungen wie diese gebe. "Mein Großvater lebt neu in mir. Ich habe ihn nie kennengelernt - durfte es nicht, konnte es nicht. Aber jetzt ist er auf einmal wieder da. Das ist fantastisch", so Salomon.
ZDFheute: Was ist wichtig an der Arbeit von "!NieWieder"?
Uhlich: Über Fußball die Menschen über die Vergangenheit zu informieren, ihnen klarzumachen, was in der Nazizeit passiert ist. Und über diese Erinnerungsarbeit den Blick für die Gegenwart zu schärfen, um daraus Lehren für die Zukunft zu finden.
ZDFheute: Warum sollte sich ein Fußballverein mit seiner Vergangenheit beschäftigen?
Uhlich: Fußball ist ein Sport, der eine große gesellschaftliche Breite hat. So wie sich die gesamte Gesellschaft hinterfragen muss, wie es zu den Verbrechen der Nationalsozialsten kommen konnte, so sehen wir auch die Verantwortung der Fußballvereine zu gucken, was damals mit ihren Spielern und Mitgliedern passiert ist, warum der Verein gleichgeschaltet wurde oder vielleicht sogar ganz vorn mitgemacht hat.
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ZDFheute: Wie haben Sie sich in diese Arbeit eingebracht?
Uhlich: Zunächst sind wir auf Mainz 05 zugegangen, um gemeinsam den Erinnerungsspieltag zu organisieren. Dort wurden unsere Ideen offen aufgenommen. Es war uns wichtig, Stadionaktionen zu machen, bei der Vertreter der Gruppen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden, mit auf dem Platz stehen und sprechen. Dazu kommen politische Repräsentanten sowie die Präsidenten von Mainz 05 und des gegnerischen Vereins. Wir wollen mit der Aktion ein Gemeinschaftsgefühl für alle Zuschauer schaffen. 2020 haben zum Beispiel Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, und Ministerpräsidentin Malu Dreyer gesprochen.
29.01. - 9.02.: Haus des Erinnerns, Mainz Ausstellung "Zerbrochene Verbindungen – Ravensbrück. Die Wege von frauenliebenden* Frauen* in Widerstand und Deportation" (im Rahmen der Mainzer Erinnerungswoche).
27.01., Gedenktafel am Hamburger Volksparkstadion Die Gedenktafel am Volksparkstadion ist für Kranzniederlegungen und das Ablegen von Gestecken oder Kerzen ganztägig zugänglich.
29.01., 19 Uhr: Abaton Kino, Hamburg Zeitzeugen-Gespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Herbert Rubinstein (Im Rahmen des Programms "!Nie wieder ist jetzt" vom HSV und dem Netzwerk Erinnerungsarbeit).
30.01. 19:30 Uhr: Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau "80 Jahre - Erinnern - Versöhnen - !NieWieder": Die Initiative "!NieWieder" lädt zum Gespräch über die Entwicklung und Bedeutung der Erinnerungsarbeit.
01.02., 16:30 Uhr: "Enten"-Arena, Mainz-Bretzenheim Stadionaktion mit Fußballspiel des FC Ente Bagdad (im Rahmen der Mainzer Erinnerungswoche).
04.02., 19 Uhr: Erbacher Hof, Mainz Sport und Erinnerungsarbeit: Wie gehen Vereine mit der eigenen Vergangenheit in der NS-Zeit um? Vortrag von Franziska Kaiser mit anschließender Podiumsdiskussion (im Rahmen der Mainzer Erinnerungswoche).
Im Netz: Die Deutsche Fußball Liga (DFL) zeigt auf ihrer Website unter dem Motto "… dass Auschwitz nie mehr sei!" Videos mit den Erinnerungen der Holocaust-Überlebenden Naftali Fürst, Ruth Raweh sowie Mirjam Szpiro Bait Talmi.
ZDFheute: Wie verlief die Aktion am vergangenen Samstag beim Spiel gegen den VfB Stuttgart?
Uhlich: Auf dem Platz hat Serge Salomon, Enkel des in Auschwitz ermordeten 1. Präsidenten von Mainz 05, Eugen Salomon, gesprochen. Dazu wurde eine Videobotschaft der Holocaust-Überlebenden Eva Szepesi eingespielt. Beide Ansprachen waren sehr berührend und wurden mit viel Applaus bedacht. Anschließend haben sich die Spieler hinter unser Banner mit der Aufschrift "Gemeinsam für Erinnerung und Vielfalt" gestellt, das von geflüchteten Menschen aus der Ukraine, Syrien und Afghanistan getragen wurde. Noch bis Anfang Februar läuft wie jedes Jahr seit 2017 die Mainzer Erinnerungswoche.
ZDFheute: Welchen Anteil haben Sie daran?
Uhlich: Wir sind die Initiatoren, aber mittlerweile haben sich viele Partner aus der Stadtgesellschaft angeschlossen. Dieses Jahr gab es eine prominent besetzte Auftaktveranstaltung im Stadion, die ganze Woche über laufen Vorträge und Ausstellungen. Für uns ist besonders unserer eigener Erinnerungsspieltag am 1. Februar wichtig, bei dem wir gegen ein gemischtes Team aus Angehörigen der von den Nazis verfolgten Gruppen antreten. Vertreter des jüdischen Sportvereins Makkabi werden genauso dabei sein wie Sinti und Roma, Homosexuelle und Menschen mit Behinderung.
Das Interview führte Ralf Lorenzen.
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Quelle: Reuters
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