Gaza-Opferliste: Wie glaubwürdig die Hamas-Angaben sind

    Hamas nennt Tausende Namen:Wie glaubwürdig ist die Liste der Gaza-Toten?

    Autorenfoto Nils Metzger
    von Nils Metzger
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    Die Hamas-Behörden in Gaza haben eine Liste mit etwa 7.000 Namen von Getöteten veröffentlicht. So wollen sie Zweifel an ihren Opferzahlen zerstreuen. Wie glaubwürdig ist die Liste?

     Palästinenser suchen nach Überlebenden in den Trümmern eines Gebäudes, das bei einem israelischen Luftangriff in Chan Junis im Gazastreifen getroffen wurde.
    Ein eingestürztes Haus in der Stadt Chan Junis im Gazastreifen: Palästinenser suchen Opfer nach einem israelischen Luftangriff.
    Quelle: dpa

    Wie viele Menschen sterben gerade im Gazastreifen? Um diese Frage ist ein heftiger Kampf der Narrative entbrannt. Nachdem US-Präsident Joe Biden Zweifel an der Zuverlässigkeit palästinensischer Opferzahlen geäußert hatte, veröffentlichte das der Hamas unterstehende Gesundheitsministerium im Gazastreifen eine Namensliste der mutmaßlich Getöteten.
    Die Liste enthält 6.747 Namen von Personen, die zwischen dem 7. und 25. Oktober getötet worden seien, inklusive Angaben zu Alter, Geschlecht und ihrer Personalausweisnummer. 281 weitere Leichen seien noch nicht identifiziert worden. Die Liste umfasst insgesamt 2.665 Kinder und Jugendliche.
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    Wer ist auf dieser Opferliste erfasst?

    Biden hatte am Mittwoch gesagt, er habe "kein Vertrauen" in die Angaben der militanten Gruppe bezüglich ihrer Todesopfer. Der israelische Militärsprecher Richard Hecht sagte am Donnerstag: "Wenn das Gesundheitsministerium der Hamas Zahlen veröffentlicht, sind diese mit Vorsicht zu genießen."
    Die neue Liste enthalte alle Personen, die in den Krankenhäusern des Gazastreifens als verstorben erfasst worden seien. So fehlten etwa Menschen, die ohne Krankenhausaufenthalt beerdigt worden seien, oder die noch unter den Trümmern lägen, heißt es in den Vorbemerkungen des Papiers.
    Zu den Todesumständen, etwa durch israelische Luftschläge oder durch fehlgeleitete Raketen palästinensischer Terrorgruppen macht die Liste keine Angaben. Laut der Liste seien die rund 7.000 Menschen allesamt "Opfer israelischer Aggression" geworden.
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    Wie glaubwürdig ist diese Liste?

    Eine unabhängige Überprüfung der vollständigen Liste gibt es bislang nicht. Die Veröffentlichung der palästinensischen ID-Nummern der Opfer wird es israelischen Behörden und den Vereinten Nationen im Gazastreifen mittelfristig erlauben, die Liste zu verifizieren. Sie haben ganz oder teilweise Zugriff auf diese Daten und können feststellen, ob die genannten Personen real sind und ob etwa die im Dokument genannten Ausweisnummern weiterhin genutzt werden. Dass systematisch und in großer Zahl fiktive Opfer in die Liste aufgenommen wurden, darauf gibt es bislang keine überprüfbaren Hinweise.
    Hamas hat ein klares Interesse, zivile Opferzahlen zu übertreiben. Israel hingegen weiß genau, dass die Angaben des Hamas-geführten Gesundheitsministeriums meist die einzigen verfügbaren Angaben zu zivilen Opfern in Gaza sind - und darum regelmäßig von der internationalen Presse aufgegriffen werden. Sie in Zweifel zu ziehen, kann den Fokus weg von der unbestreitbar hohen Zahl an zivilen Opfern der Luftschläge lenken.
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    Was die Liste nicht erlaubt, ist die Opferzahlen von konkreten Ereignissen wie der Explosion am Al-Ahli-Krankenhaus am 17. Oktober nachzuvollziehen. Damals hatte Hamas innerhalb weniger Stunden eine Opferzahl von 500 Toten vermeldet. Das war einer der Gründe, weshalb begründete Zweifel an den Angaben der Behörden in Gaza aufgekommen waren. Europäische und US-Geheimdienste gehen von einer niedrigeren Zahl von Todesopfern aus. Ein Abgleich der Toten des Krankenhauses mit denen der jetzt veröffentlichten Liste liegt bislang nicht vor.

    Welche Namen fehlen in der Liste?

    Vergleicht man die Liste mit namentlich bekannten Opfern des Konflikts, ergibt sich ein gemischtes Bild. So kommt der getötete Sohn des Aljazeera-Journalisten Wael Dahdouh vor, ebenso Jamila al-Shanti, die erste Frau im Hamas-Politbüro.
    Eine ganze Reihe an hochrangigen Hamas-Vertretern und militärischen Kommandeuren ihrer Kassam-Brigaden, die Israel nach eigenen Angaben getötet haben will oder die Hamas selbst als "Märtyrer" vermeldete, fehlen jedoch. Nicht enthalten sind Hamas-Finanzchef Jawad Abu Schamala, Politbüro-Mitglied Zakaria Abu Muammar oder Kassam-Kommandeur Ayman Nofal.
    Grundsätzlich macht die Liste keine Unterscheidung zwischen getöteten Hamas-Mitgliedern und unbeteiligten Zivilisten. Zur Zahl der getöteten Hamas-Kämpfer gibt die Liste keine Auskunft; die Veröffentlichung solch militärisch sensibler Informationen wäre auch nicht im Interesse der Hamas.
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    Was sagen Experten zu den Opferzahlen aus Gaza?

    Bei früheren Konflikten zwischen Israel und Hamas stellten sich die von den Behörden in Gaza veröffentlichten Opferzahlen nachträglich als relativ akkurat heraus. "Die Zahlen mögen nicht minutengenau perfekt sein, aber sie spiegeln weitgehend das Ausmaß von Tod und Verletzung wider", sagte Michael Ryan, Leiter des Nothilfeprogramms der Weltgesundheitsorganisation (WHO), gegenüber der Nachrichtenagentur AP am Donnerstag.
    Matthias Schmale, der frühere Leiter des UN-Hilfswerks für Palästina (UNRWA), sagte am Mittwoch im Deutschlandfunk:

    Aus meiner Sicht sind die Zahlen verlässlich.

    Matthias Schmale, früherer Leiter von UNRWA

    "Zu meiner Zeit haben wir uns meistens auf die Zahlen des Gesundheitsministeriums bezogen. Das wird natürlich auf der Führungsebene von Hamas geleitet, aber es gibt innerhalb des Gesundheitsministeriums Leute, die zuverlässig berichten", sagte Schmale. "Die Zahlen werden abgestützt durch das, was Ärzte und Krankenschwestern aus den Krankenhäusern und was unsere UN-Gesundheitsmitarbeiter berichten."
    Die israelische Regierung hingegen versucht, UNRWA und andere UN-Organisationen als ebenfalls unzuverlässige Quellen und teils von Hamas unterwandert darzustellen. Kritische Äußerungen zur Terrororganisation sind selbst für UN-Vertreter vor Ort heikel.
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    Wie nutzen Journalisten die Angaben der Behörden in Gaza?

    Auch ZDFheute nutzt die Angaben der Gesundheitsbehörden in Gaza, weist jedoch an verschiedenen Stellen auf die schwierige Überprüfbarkeit der Daten hin. Über Agenturberichte fließen die Zahlen weltweit in die tagesaktuelle Berichterstattung ein.
    Eine unabhängige Verifizierung von palästinensischen Opferzahlen könnte in den kommenden Wochen nochmals deutlich schwieriger werden. Berichterstattung aus Gaza wird immer gefährlicher und bereits jetzt sind mehrere lokale Journalisten bei Angriffen getötet worden. Von außen gelangen keine weiteren Journalisten nach Gaza.
    Die angekündigte israelische Bodenoffensive könnte die Zahl ziviler Opfer zusätzlich ansteigen lassen und gleichzeitig die Bewegungsfreiheit von Journalisten deutlich einschränken. Wie viele Zivilisten in Gaza sterben und wer im unübersichtlichen Häuserkampf für ihren Tod verantwortlich ist, wird künftig noch schwieriger zu verifizieren sein.

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